Mittwoch, 2. Oktober 2013

Rezension zu "Du. Wirst. Vergessen." von Suzanne Young


Schleichender Weg in die Dystopie

„Du. Wirst. Vergessen.“ von Suzanne Young ist der erste von zwei Bänden mit einer dystopischen Grundidee, die im Vergleich zu den meisten anderen Büchern dieses aktuellen Trend-Genres sehr nah – sowohl zeitlich wie auch inhaltlich – an unserer realen Gegenwart bleibt.

Zum Inhalt: Die Selbstmordrate ist unter Jugendlichen stark gestiegen, Auch Sloanes Bruder Brady hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen. Um das Problem zu bekämpfen, wurde das „Programm“ entwickelt, unterstützt von der Regierung und den Eltern. Die Jugendlichen werden beobachtet. Wer Anzeichen von Depressionen zeigt, muss damit rechnen ins „Programm“ gebracht zu werden – die Rückkehrer haben alle Erinnerungen verloren. Daher vermeidet es Sloane, so wie alle anderen auch, ihre Gefühle zu zeigen. Nicht einmal vor ihren Eltern kann sie ehrlich sein. Nur bei ihrem Freund James ist sie offen, doch eines Tages bricht James zusammen. Wird Sloane es schaffen, dass er sich an sie erinnert, wenn er aus dem „Programm“ zurückkehrt? Oder könnte sie damit leben, wenn er es nicht tut?

„Du. Wirst. Vergessen.“ schafft es dem aktuellen Dystopie-Trend neues hinzuzufügen. Nicht durch die verlorenen Erinnerungen – das ist kein seltenes oder besonders neues Motiv. Doch „Du. Wirst. Vergessen.“ stellt in seiner Position zwischen unserer Gesellschaft und der dystopischen Zukunftsvision einen Sonderfall dar. Denn, während die meisten Dystopien neue Gesellschaftsstrukturen präsentieren und dem Leser in den Hintergrundinformationen nur nebenbei Einblick darauf gewähren, wie sich diese entwickelt haben, ob durch Konflikte, gar Kriege, oder Naturkatastrophen apokalyptischen Ausmaßes, zeigt Suzanne Young genau diesen Übergang zwischen unserer Realität und einer dystopischen Zukunft. Dabei sind ihre Überlegungen sehr gut durchdacht, gleichzeitig aber auch denkbar unspektakulär, sodass tatsächlich auch eine gefühlte Nähe zwischen Gegenwart des Lesers und der hier erschaffenen Welt entstehen kann.

Es müssen nicht immer die großen Kriege oder Katastrophen sein, die Gesellschaften durch bedenkliche Entscheidungen Schritt für Schritt zum Negativen verändern. Hier ist der Auslöser ein plötzlicher Anstieg der Zahl von Suiziden bei jungen Menschen. Die Lösung zur Eindämmung dieser ist das „Programm“. Da die Rückkehrer nach ihrer Behandlung keine Anzeichen von depressiven Erkrankungen mehr zeigen, gilt es als Erfolg, zumindest bei der Regierung und den besorgten Eltern. Die Jugendlichen selbst sehen jedoch die andere Seite. Sie verlieren Freunde, denn die Behandelten erinnern sich nicht, haben sogar stark veränderte Persönlichkeiten, werden optisch verändert – neue Kleidung, neue Frisur. Doch öffentlich Kritik zu üben oder Gefühle zu zeigen, kann bedeuten, dass man selbst der Nächste ist, der ins „Programm“ muss.

„Du. Wirst. Vergessen.“ setzt mit dieser Idee nicht in ferner Zukunft an, sondern in einer der Gegenwart sehr nahen Zeit. Doch, obwohl sich eigentlich nur ein einziges Element verändert hat (die Selbstmordrate) und besorgte Erwachsene aus richtigen Gründen (die Heilung der Depressionen) das Falsche unterstützen (das „Programm“), ist das Leben der Jugendlichen davon schon stark negativ beeinflusst und damit für den Leser sehr erschreckend. Dabei hat dieses eine dystopische Merkmal allerdings noch Grenzen. Zum Beispiel die Volljährigkeit. Noch ist die Gesellschaft nicht so weit gegangen die Mündigkeit der Menschen im Erwachsenenalter zu schränken. Noch ist das „Programm“ auch lokal beschränkt. Doch es weitet sich aus und gewinnt an Einfluss. Genau diese Entwicklung hinein in die Dystopie ist einer der Kernaspekte dieses Buches.

Das zweite und vordergründige Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen in dieser schwierigen Welt. Sloane, James und ihre Freunde kämpfen gegen die negativen Gefühle, der Roman wird dadurch hauptsächlich bestimmt von einer nachdenklichen, oft traurigen Stimmung und weniger von actionreichen Sequenzen. Die Ausweglosigkeit ist greifbar in der Gefühlswelt der Protagonisten und von der Autorin atmosphärisch ebenso gut umgesetzt, wie die intensive Liebesgeschichte zwischen Sloane und James, dem ehemals besten Freund ihres Bruders Brady. Sein Selbstmord verbindet und belastet die beiden und vermutlich ist es von vorn herein nur eine Frage der Zeit, bis das „Programm“ auch dieses wundervolle Paar entzweit. Es folgen spannende Entwicklungen, zartes Herantasten und viele schockierende und traurige Momente. „Du. Wirst. Vergessen.“ ist nicht nur sprachlich stark geschrieben, es lebt auch von den starken Gefühlen der Protagonisten und einer bedrückenden Grundstimmung.

Neben der guten Sprache überzeugen auch die Charaktere, allen voran die Ich-Erzählerin Sloane, eine aufgeweckte 17-Jährige, die zwar Schwächen zeigt aber nicht durch Naivität oder gar Dummheit negativ auffällt, sondern ganz im Gegenteil mit Charaktertiefe und Facettenreichtum überzeugt. Mit ihr mit zu fiebern fällt leicht, ihre Trauer und ihren Schwermut zu verstehen ebenfalls.
Die Autorin vereint eine gute Mischung aus Liebe, Wut und einer ausdrucksstarken Persönlichkeit in ihrer Hauptfigur. Das „Programm“ stellt dabei eine weitere Herausforderung dar, indem es die Notwendigkeit schafft, zwischen Bachgefühl und Wissen unterscheiden zu müssen, wenn die Erinnerungen fort sind. Wie Sloane und die anderen mit den Auswirkungen des Programms umgehen, wie die Autorin sich das „Programm“ überhaupt vorstellt, ist sehr lesenswert und die Fortsetzung wird von mir jetzt mit Spannung erwartet.

Fazit: „Du. Wirst. Vergessen.“ ist eine sprachlich intensive und mit starken Charakteren umgesetzte Romanidee, die sich mit einer dystopischen Idee zur Bekämpfung von Selbstmorden und Depressionen befasst und zeigt, wie ein solches Element eine Gesellschaft, die im Kern noch nah an der heutigen Zeit liegt, nach und nach zum Negativen verändert. Das ist der Autorin sehr gut gelungen, besonders durch eine eher nachdenkliche Grundstimmung. „Du. Wirst. Vergessen.“ setzt mehr auf die emotionalen Aspekte als auf große Action. Ich kann dieses Buch nur empfehlen. 5 Sterne.


Die Reihe (mit Links zu Amazon):
  1. "Du. Wirst. Vergessen." (August. 2013, englischer Originaltitel "The Program")
  2. noch nicht bekannt (englischer Originaltitel "The Treatment", April 2014)
 
Allgemeine Informationen

Ausgabe: Broschur
Erschienen: August 2013
Seiten: 448
Verlag: blanvalet
ISBN: 978-3-442-26921-1
Preis: € [D] 14.00

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage zum Buch

 


Kommentare:

  1. Halli hallo

    Ich denke das könnte ein Buch für mich sein landet auf meiner Wunschliste für Weihnachten. Hat es einen fiesen Cliffhhanger? Da es ja wohl noch ein Weilchen gehen wird bis der zweite Band erscheint!

    Liebe Grüsse Bea

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    1. Hm. Hat es einen Cliffhanger? Also zuerst hat mich das Ende super kirre gemacht, aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm. Aber mehr kann ich dir nicht verraten...

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  2. Hallo Sarah!
    Freut mich total, dass es dich ebenfalls begeistern konnte! :) Ich mochte die ganze traurige Atmosphäre so gerne (das klingt so blöd :P ) und bin schon ziemlich gespannt, wie es im zweiten Band weiter geht!
    LG JAn

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    1. Es klingt wirklich blöd ;), aber ich verstehe was du meinst. Ich mag Bücher mit einer nachdenklicheren Stimmung auch sehr, genau wie dieses. Außerdem fand ich es gut, dass es mal nicht nach dem Prinzip ging "Hier ist die dystopische Gesellschaft, weit in der Zukunft" sondern es eben diese Entwicklung war und immer erwähnt wurde, wie sich das Programm langsam ausweitet...

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