Mittwoch, 30. Oktober 2013

Rezension zu "Die Springflut" von Cilla und Rolf Börjlind


Konstruktion unwahrscheinlichster Zufälle

„Die Springflut“ von Cilla und Rolf Börjlind ist ein schwedischer Kriminalroman, geschrieben von einem Ehepaar, das sich ansonsten in ihrem Heimatland recht erfolgreich mit Drehbüchern den Lebensunterhalt verdient.

Um folgendes geht es nun in ihrem gemeinsam geschriebenen Kriminalroman:
Die Polizeischülerin Olivia widmet ihre Sommerferien einer freiwilligen Aufgabe, der Analyse eines „Cold Case“. Vor fast 24 Jahren war auf der Insel Nordkoster eine hochschwangere Frau ermordet worden. Obwohl es Zeugen gab, wurden die Täter nie gefunden, auch die Identität der Frau blieb unbekannt. Olivias mittlerweile verstorbener Vater war damals an den Ermittlungen beteiligt, genau wie ein Ermittler namens Tom Stilton, der aber untergetaucht zu sein scheint. Um bei ihrer Suche nach neuen Spuren weiterzukommen, muss Olivia Tom ausfindig machen… 

Direkt nach seinem Erscheinungstermin war „Die Springflut“ in den deutschen Buchhandlungen präsent wie das neuste Werk eines Bestsellerautors. In einer großen Filiale stapelte es sich auf den Tischen, gleich mehrfach im Laden - ich konnte es kaum übersehen. Die Namen der Autoren sagten mir allerdings nichts, die Ankündigung als großer Auftakt einer neuen Reihe von Schwedenkrimis klang aber ganz vielversprechend, auch die optische Gestaltung und der Klappentext waren interessant. Als sich also die Gelegenheit ergab, das Buch zu lesen, habe ich nicht gezögert – und jetzt wünschte ich, ich hätte es getan.

„Die Springflut“ ist in meinen Augen kein gelungener Kriminalroman. Ich lese gerne Krimis und Thriller – Spannungsliteratur gehört seit Jahren zu meinen bevorzugten Genres -, aber für mich ist vor allem die Glaubwürdigkeit der Handlung ein entscheidendes Merkmal für einen guten Roman. Werden Mordfall und Ermittlungen stimmig miteinander verwoben? Sind die Schlussfolgerungen der Figuren logisch? Kann ich am Ende die Motive nachvollziehen? Wirkt die Geschichte rund? Gerne darf ein Krimi mich am Ende überraschen, mich mit einer Wendung von meinen vorangegangenen Spekulationen weglocken, aber dennoch möchte ich die eben gestellten Fragen mit „ja“ beantworten können - und das kann ich nach dem Lesen von „Die Springflut“ einfach nicht einmal ansatzweise.

Bei dem neuen Werk aus Schweden mit dem Duo Olivia und Tom, Polizeischülerin und in der Versenkung verschwundener Ermittler mit psychischen Problemen gewaltigen Ausmaßes, bleibt es nicht bei dem einen Fall der durch eine Springflut vor über zwanzig Jahren ermordeten Frau. Prügelattacken auf Obdachlose und ein alter Bruch zweier Wirtschaftsgrößen kommen auch noch hinzu. Die einzelnen Fälle werden mehr schlecht als recht miteinander in Verbindung gebracht, was ganz einfach so viel bedeutet wie: Olivia stolpert von einem unfassbar unwahrscheinlichen Zufallsfund zum nächsten. In ihrer Masse waren diese ganzen Zufälle – einer nach dem anderen – nur noch absurd. Nicht nur, dass alle involvierten Personen irgendwie genau zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Informationen „zufällig“ finden, sie steuern auch alle gleichzeitig 24 Jahre nach dem eigentlichen Mord plötzlich wieder auf einen Punkt zu, wie von Strippenziehern auffällig gelenkt: Die Autoren haben so sehr konstruiert, dass es nicht mehr natürlich wirken konnte.

Zunächst schien Stockholm ein Dorf zu sein, dann ganz Schweden und letztendlich die gesamte Erde. All die Zufälle kann ich mir jedenfalls nur noch durch die Vorstellung plausibel machen, dass die Erdbevölkerung bei „Die Springflut“ auf die Größe einer Schulklasse gesunken ist. Maximal 30 Menschen, mehr können es nicht sein, so „zufällig“ wie die Figuren selbst am anderen Ende der Welt plötzlich dem Richtigen über den Weg laufen. Nicht nur einmal, sondern immer wieder, und auch nicht irgendwann, sondern genau in diesem Sommer nach 24 Jahren, als Olivia beschließt, den Fall zu untersuchen.

Neben ein bisschen Sozialkritik schaffen es die Autoren vor allem, kein einziges Klischee auszulassen. Am Ende war ich einfach nur noch ernüchtert von der Plattheit der Auflösung des an sich so komplexen Falles, den jahrzehntelang niemand enträtseln konnte, und erwartete mit Schrecken das nächste Klischee. Beides war, in Anbetracht der Tatsache, wie einfach die Geschichte gestrickt war, nicht mehr schwer vorauszuahnen. Gerade für regelmäßige Krimileser ist nur eine Regel zu beachten: Es gibt keine unbeteiligten Figuren. Wann immer jemand gesucht wird, dessen Identität noch unbekannt ist, wird sich eine der bereits vorhandenen Figuren als dieser entpuppen. Wirkliche Ermittlungen gibt es kaum, denn fehlt eine Information, wird jemand darüber stolpern oder eine andere Person fragen, die just einen Tag zuvor die entscheidende Antwort rausgefunden hat – 24 Jahre nach dem Mord springen die Beweise aus den Büschen und werfen sich einer unerfahrenen Polizeischülerin vor die Füße. Was für ein zufällig zufälliger Zufallszufall.

Es gibt Krimis, die sind einfach nach diesem Prinzip aufgebaut. Einigen Lesern mag das gefallen, ich kann mit zeitlich perfekt abgestimmten Zufällen auf Dauer allerdings nichts anfangen und empfinde diese Art der Handlungsführung nicht als spannend.
Auch die Figuren konnten mich größtenteils nicht überzeugen. Es gab Ausnahmen, wie einen Mann namens Abbas, der mit seiner geheimnisvollen Art ein wenig Spannung erzeugen konnte, oder einen Jungen namens Acke, der emotional berühren konnte – obwohl man fairerweise sagen muss, dass hier auch wieder nicht ohne Klischees auf die Tränendrüse gedrückt wurde. Das waren allerdings Nebenfiguren. Die Polizeischülerin Olivia ließ jegliche Empathie vermissen und ihr Vorgehen war nicht immer nachvollziehbar, der emotional mehr als kaputte Tom war da schon besser gelungen, aber auch ihm fehlte es an Zugänglichkeit – die Figur blieb oberflächlich. Gerade der sich wiederholende Versuch Spannung aufzubauen, indem die Figuren nach einer ausdrücklichen Warnung dennoch beinahe trotzig in Gefahrensituationen hineingingen, ließ sie reichlich flach erscheinen.

Sprachlich ist „Die Springflut“ einfach gehalten. Kurze Sätze, keine großen Variationen, gelegentliche Wiederholungen und an der ein oder anderen Stelle Formulierungen, die sich wie eine eher holprige Übersetzung lasen und im Deutschen nach anderen Worten verlangten.
Als Perspektive wurde ein allwissender Erzähler gewählt, was dazu führt, dass nicht immer eindeutig ist, ob eine Information nun eine Beobachtung des Erzählers wiedergab oder noch von der Figur stammte, in dessen Kopf sich der Erzähler gerade noch befunden hatte. Insgesamt gibt es eine Vielzahl von Protagonisten, zwischen denen recht zügig hin- und hergewechselt wird, was zwar ein gewisses Tempo für die Geschichte erzeugte, aber gelegentlich auch irritierte.

Fazit: „Die Springflut“ ist ein Kriminalroman, der hauptsächlich auf Zufällen basiert, die in ihrer Fülle nicht mehr glaubwürdig wirken. Leser, die sich an einer solch konstruierten Handlung nicht stören, könnten hier möglicherweise auf ihre Kosten kommen, ich leider nicht. Auch die sprachliche Umsetzung und die Figuren konnten das Gesamtbild nicht mehr verbessern und es ist sehr wahrscheinlich, dass der nächste Fall von Olivia Rönning und Tom Stilton nicht mehr in meinen Händen landen wird. 2 Sterne, mehr kann ich an diese Ansammlung von Zufällen nicht vergeben. 



Allgemeine Informationen

Ausgabe: Gebunden mit Schutzumschlag
Erschienen: August 2013
Seiten: 592
Schwedischer Originaltitel: Springfloden
Verlag: btb
ISBN: 978-3-442-75393-2
Preis: € [D] 19.99





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