Sonntag, 9. Juni 2013

Rezension zu "Perla" von Carolina de Robertis



„Perla“ von Carolina de Robertis ist ein in Argentinien angesiedelter Roman, der die Identitätssuche einer jungen Frau in Buenos Aires mit der politischen Geschichte des Landes in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verbindet.
 
Inhalt: Perla wächst als einzige Tochter eines Marineoffiziers und seiner Frau in Buenos Aires auf. Obwohl Perla schon in jungen Jahren ahnt, dass ihr Vater während der Militärdiktatur schlimmes getan hat, möglicherweise sogar mitverantwortlich an dem Verschwinden tausender Menschen war, liebt sie ihre Eltern. Sie hat gelernt, über die Geschichte ihrer Familie in dem mittlerweile zur Demokratie zurückgekehrten Land zu schweigen. Erst im Studentenalter, als ihre Eltern verreist sind, bringt ein unbekannter Mann, der plötzlich mitten in ihrem Wohnzimmer auftaucht, nackt und nass, als wäre er gerade dem Wasser entstiegen, sie dazu, sich mit der Vergangenheit ihrer Familie zu beschäftigen, auch wenn das heißt, dass sie ihre eigene Identität hinterfragen muss.

Am Anfang war ich noch fasziniert von „Perla“. Der Mann in ihrem Wohnzimmer ist schwer zu verstehen. Wer ist er, woher kommt er? Ist er real oder ein Produkt Perlas Phantasie? Lebendig oder ein zurückgekehrter Toter? Er selbst kann diese Fragen kaum beantworten, seine Erinnerungen fügen sich erst nach und nach wieder zusammen, in einem Prozess, den die Autorin mit vielen philosophischen Schleifen ausschmückt. Diese Monologe, die die Geschichte des Mannes erzählen, waren oft langwierig, schöne Worte, denen aber leider immer häufiger die Aussage fehlte. Doch sie waren nicht das erste Langwierige in diesem Roman. Auch Perla selbst, die als Ich-Erzählerin auftritt, führt solche Monologe. Lange, lange Abschnitte an Gedankengängen, die nur selten zum Kern vordringen und diesen auch klar formulieren.

Während der Hang der Autorin zum Vagen beim rätselhaften Fremden, der nass und verwirrt auf dem Wohnzimmerteppich liegt, noch einen gewissen stilistischen Sinn ergibt, wollte er mir bei Perla, einer jungen Studentin, die in Unterhaltungen mit anderen immer wieder unter Beweis stellt, dass sie sehr wohl zu klaren Gedankengängen in der Lage ist, einfach nicht natürlich erscheinen. Die Dialoge, die klaren Momente, darin habe ich die eigentlich Stärke des Romans empfunden, die vagen Passagen dazwischen wirkten dagegen ein wenig gezwungen: Ein Stil, der keinen anderen Zweck verfolgte, als den Leser mit schönen, aber schwammigen Worten, noch ein wenig davon abzuhalten, die ganze Geschichte zu verstehen und die weitere Entwicklung vorausahnen zu können. Und daran scheitert sie.

Denn, während ich mich zunächst mühsam von Seite zu Seite quälte, versuchte aus Perlas Gedanken die politische Vergangenheit, die Rolle ihrer Eltern und die Verbindung zu den Verschwundenen herauszufiltern und mich eigentlich nur für den geheimnisvollen Mann, nicht aber für den Umgang der Ich-Erzählerin mit ihm, begeistern konnte, wurde es spätestens nach der Hälfte des Buches einfach sehr offensichtlich. Perlas Identitätssuche scheint für den Leser bereits beendet, bevor sie selbst sie begonnen hat.

Perla selbst braucht noch eine Weile, scheint ohnehin eher eine passive Rolle in ihrem eigenen Leben eingenommen zu haben. Wäre sie ein stärkerer Charakter, vielleicht hätte die Geschichte überzeugen können. Doch das ist sie nicht. Unsicherheit, die durch die Vergangenheit ihres Vaters noch verständlich ist, begleitet sie, doch was nicht mehr zu verstehen war, war ihr Umgang mit dem Fremden. Ist er real oder entspringt er ihrer Phantasie? Sollte sie das nicht verwirren, zutiefst berühren? In gewisser Weise ist das sogar der Fall und dennoch hatte ich den Eindruck, als wäre Perla zu oft die unbeteiligte Beobachterin, ein leerer Charakter, der Konfrontationen und Entscheidungen scheut, Gedanken nicht ausspricht und zum Davonlaufen neigt. Sie lässt sich von dem Mann zur Wahrheit führen, nach der sie selbst sich nicht einmal zu suchen getraut hat. Doch ihr Charakter entwickelt sich kaum.
 
Vielleicht hatte er dazu aber auch nie die Möglichkeit, denn der Roman war mir am Ende einfach zu glatt, zu vorhersehbar. Eigentlich war es sogar so vorhersehbar, dass eine kleine Stimme in meinem Kopf sich doch immer wieder geweigert hat, den glatten Ausgang zu akzeptieren und stattdessen unerschütterlich an eine Wendung geglaubt hat, die Perlas Identitätssuche, bei der mir so vieles nach unterbewusstem Wunsch und Phantasievorstellung klang, nicht zuletzt auch durch den Fremden, der so wenig real schien, noch einmal auf den Kopf stellen würde. Die sie dazu zwingen würde, doch noch einmal die Konfrontation mit ihren Eltern zu suchen, da Perla ihre Liebe für sie und ihre Vergangenheit als Teil der Militärdiktatur moralisch nicht ein Einklang bringen kann. 
Stattdessen ist eine andere Identität, die sie von der Tochter des Täters zum Opfer macht und von der ihr ein lebender Toter auf dem Teppichboden ihres Wohnzimmers erzählt, die Lösung? Da ich niemanden um die Erfahrung bringen möchte, die Geschichte selbst zu erlesen, kann ich es deutlicher nicht ausdrücken, doch das Ende war für meinen Geschmack schwach und zu reibungslos.

Die real-politischen Hintergründe des Romans, die Geschichte Argentiniens, die Geschichte der Verschwundenen, sind einer der lesenswerten Bestandteile von „Perla“. Teilweise sind die eingearbeiteten Verweise und die erdachten Einzelschicksale schwer zu verdauen, auch Perlas Geschichte ist nicht leicht zu verarbeiten, auch wenn sie mir am Ende für sie persönlich zu einfach erschien. Nicht „einfach“ im Sinne von „leicht“, es ist kein leichtes Schicksal, sondern „einfach“ im Sinne von „konfliktarm“, da es Perla eine Möglichkeit bot, einer Identität, die sie innerlich zerriss, zu entkommen. Es konnte zwar berühren, aber es war dennoch zu vorhersehbar und zu wendungsarm.

Fazit: Schöner Schreibstil, schöne Worte, aber leider oft verpackt in zu langwierige Gedankengänge. Der Protagonistin Perla selbst fehlt die Entwicklung, dem Ende fehlt der Konflikt. Es ist mehr Märchen als Realität, wodurch die Identitätssuche vor dem Hintergrund einer politischen Ausnahmesituation ihre Tiefe einbüßt.

Eine Empfehlung: Wer an einer gelungeneren Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität interessiert ist, dem möchte ich das ebenfalls in diesem Frühjahr erschienene „Hier könnte ich zur Welt kommen“ von Marjorie Celona empfehlen (meine Rezension). Hier fehlt zwar der große politische Hintergrund von „Perla“, die persönliche Entwicklung ist aber deutlich stärker. 



 
Allgemeine Informationen


Ausgabe: Gebunden, März 2013
Seiten: 336
englischer Originaltitel: Perla
ISBN: 978-3810508539
Preis: € [D] 18.99

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage

 
 

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