Montag, 26. November 2012

Rezension zu "Tote Mädchen lügen nicht" von Jay Asher (Hörbuch)


Potenzial verpufft

"Tote Mädchen lügen nicht" von Jay Asher klang für mich zunächst vielversprechend - viele begeisterte Stimmen sprachen für ein spannendes Hörvergnügen. Leider konnte es meine Erwartungen nicht erfüllen.

Zum Inhalt: Der High-School-Schüler Clay bekommt ein Päckchen mit Kassetten zugestellt, die ihn erschrecken. Seine Mitschülerin Hannah erzählt darauf, warum sie Selbstmord begangen hat. Alle, die ihrer Meinung nach dazu beigetragen haben, sollen ihr nach ihrem Tod noch einmal zuhören. Während Clay den Kassetten zuhört und darauf wartet, selbst in Hannahs Geschichte aufzutauchen, erinnert er sich daran, wie sehr er Hannah mochte...

An sich klingt das doch wirklich spannend - oder? Meiner Meinung nach absolut, doch leider verpufft jede Hoffnung auf Spannung, auf schockierende, schreckliche Erlebnisse der jungen Hannah, die mich vielleicht tief hätten berühren oder mitreißen können, sehr schnell. Hannahs Geschichten sind zum größten Teil sehr banale, belanglose Teenagerproblemchen eines trotz kleiner Eigenheiten und - zugegeben - einiger Gemeinheiten nicht einmal unbeliebten Mädchens. Hannah suhlt sich ausgiebig in ihrem Selbstmitleid, klagt andere an, gibt sich mit ihren letzten Worten sogar recht überheblich, doch was davon zum Selbstmord führte? Eher eine depressive Psyche als die langweiligen Geschichten, 13 an der Zahl, durch die ich mich bei diesem Hörbuch quälen musste. Ein, zwei sind dabei, die - leider erst kurz vor Schluss - eine spannungsgeladene Schockstarre bei mir auslösen konnten, und auch wenn Hannah dort nicht einmal nur das Opfer war, so blitzte hier das durch, was ich mir von dem Roman erwartet hatte. Dass die Grundidee der Selbstmörderin, die nach ihrem Tod abrechnet, Potenzial hatte, stand für mich außer Frage, der Autor hat sich meiner Meinung nach nur leider zu wenig getraut. Es fehlen tiefgehende Schicksalsschläge, glaubhaftes Leid, um die Entwicklung der Protagonistin vor allem zu Beginn zu erklären, doch sie wurde eher mit Samthandschuhen konzipiert.

Also, wenn schon nicht Hannahs Geschichten überzeugen können, kann Clay es? Während der zweite Ich-Erzähler den Kassetten lauscht, warten er und der Leser gemeinsam und voller Sorge auf die Geschichte, in der Hannah Clay ansprechen wird. Wie hängt dieser sympathische, vielleicht etwas sehr weinerliche Junge mit dem Selbstmord des Mädchens zusammen, dem er in Wirklichkeit so gerne näher gekommen wäre? Da muss man doch die Luft anhalten, vor lauter Anspannung, während man auf die große Offenbarung wartet...nur um festzustellen, dass auch hier das Potenzial der Grundidee ungenutzt bleibt und man getrost weiteratmen kann. Auch hier geht der Autor nicht soweit, das positive Bild seines Protagonisten ernsthaft zu gefährden. Clay ist durchgehend tief betroffen von Hannahs Geschichten, was sich bei deren Oberflächlichkeit nur in den seltensten Fällen erklären lässt. Dadurch wirkt die Handlung zusätzlich in großen Teilen unstimmig.

Sprachlich ist das Buch (bzw. in meinem Fall das Hörbuch) nicht schlecht. In einem für ein Jugendbuch anzunehmenden einfacheren Stil führt der Autor flüssig durch die Handlung. Lediglich die häufigen Unterbrechungen durch oft schon nach wenigen Sätzen eintretende Perspektivenwechsel zwischen Hannahs Aufnahmen und Clays Gedanken, wirkten teilweise störend, da sich so die Längen in Hannahs Geschichten durch nicht immer glaubwürdiges Gejammer von Clay zusätzlich und unnötig zogen.
Speziell zum Hörbuch muss ich allerdings sagen, dass die Sprecher, der österreichische Schauspieler Robert Stadlober und die Synchronsprecherin Shandra Schadt, die Figuren sehr gelungen verkörpern und der nicht besonders überzeugenden Geschichte so doch noch ein wenig Leben einhauchen.

Fazit: Leider eine Enttäuschung. Es klingt nach atemberaubender Spannung, ist größtenteils allerdings recht belangloser Alltag. Erst am Ende konnte es mich ein wenig mitreißen, was die Geschichte insgesamt aber nicht mehr glaubwürdiger machen konnte. Die Idee hinter "Tote Mädchen lügen nicht" hatte ohne Frage Potenzial, das aber fast vollständig ungenutzt blieb. Erst habe ich noch zu drei Sternen tendiert, allerdings ist das Gesamtbild - trotz guter Hörbuchsprecher - eher unterdurchschnittlich. 2 Sterne, wenn auch mit leichter Tendenz nach oben.



"Tote Mädchen lügen nicht" von Jay Asher bei Amazon.de


Allgemeine Informationen

DAS BUCH

Ausgabe: Gebunden, März 2009
Seiten: 288
Verlag: cbt
englischer Originaltitel: Thirteen Reasons Why 
ISBN: 978-3570160206
Preis: € [D] 14.95

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage

Das Buch ist in verschiedenen Ausgaben auch als Taschenbuch erschienen:



DAS HÖRBUCH

4 CDs,  ca. 280 Minuten
Gekürzte Lesung
Verlag: cbt audio
ISBN: 978-3837101980
Sprecher: Robert Stadlober, Shandra Schadt

Hörprobe und weitere Informationenauf der Verlagshomepage


Kommentare:

  1. So ähnlich ging es mir auch und da das Buch andernorts so hoch gelobt wird, beruhigt es mich ehrlich gesagt, dass du Hannahs Geschichten auch so... überzogen-theatralisch fandest aus ihrer Perspektive. Ich dachte schon ich wäre einfach zu unsensibel +g+

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    1. Ich fand mich zwischendurch aber auch wirklich unsensibel. Weil, hey, sie hat sich umgebracht...aber sympathisch war sie mir nicht.

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    2. Ja, genau das. Bei einigen Sachen hab ich mir gedacht: Ja und? Jeder von uns hat mal so was wegstecken müssen (z.B. die Liste, erinnerst du dich?). Gegen Ende wurde es dann aber doch heftig, da stimme ich dir zu.

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  2. Ja, es fehlte irgendwie die Tragik. Ich habe ihre ausschlaggebenden Gründe auch teilweise als Teenie-Kram empfunden, die so eine Handlung nicht rechtfertigen. Viele Jugendliche sind ja Außenseiter und wenn sich jeder davon umbringen würde, hätten wir leere Schulen...
    Gruß
    Lia

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  3. Nun ja, ich glaube das Hanna schon vorher eine psychische Störung hatte und durch die 13 Gründe hat sie sich dann umgebracht. Leider erfährt man ja nichts von Hannas Kindheit, aber ich denke, dass es da schon Probleme gab. Wie auch immer ich fand das Buch genial! :)

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    1. Ja, genau das meine ich ja mit der depressiven Psyche. Aber dann hatten diese 13 Gründe - na ja, wie gesagt, bis auf die letzten am Ende, aber da war sie ja eigentlich schon ziemlich am Ende - für mich einfach nicht genug Relevanz, dass ich von denen lieber etwas gehört hätte, als zum Beispiel von möglichen Hintergrundgeschichten in der Kindheit. Warum wird man mit diesen langweiligen Geschichten so lange hingehalten?

      Für mich ist das Buch daher leider wirklich misslungen.

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  4. Ich habe das Buch frühzeitig abgebrochen,weil es nicht so neins war.

    LG May

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