Donnerstag, 22. November 2012

Rezension zu "Ein plötzlicher Todesfall" von J.K. Rowling


Schwere Kost ohne Übersicht

"Ein plötzlicher Todesfall" von J.K. Rowling - der Roman nach "Harry Potter" und der Versuch der Autorin sich auch außerhalb der Jugend-Fantasy zu etablieren. Meiner Meinung nach hätte "Ein plötzlicher Todesfall" inhaltlich auch das Potenzial zu einem sehr guten Roman, aber leider hat die Autorin einfach zu viel gewollt.

Inhalt: Als Barry Fairbrother plötzlich verstirbt, ist die kleine Gemeinde Pagford über seinen frühen Tod geschockt - zunächst. Denn Barry war Gemeinderat und Unterstützer der sozial schwachen Siedlungen am Rande der Gemeinde und durch den nun frei gewordenen Sitz im Rat wittern sowohl Barrys Gegner als auch seine Freunde eine Chance, in der Politik ein wenig mitzumischen. Hinter den Türen Pagfords nehmen die kleinen Verschwörungen und Intrigen ihren Lauf, die den kleinen Ort in den nächsten Tagen bis zur entscheidenden Wahl beschäftigen werden.

Barry, Mary, Kay, Gavin, Declan, Fergus, Niamh, Siobhan, Parminder, Vikram, Sukhvinder, Jaswant, Rajpal, Stuart, Andrew, Krystal, Tessa, Terri, Cheryl, Robbie, Simon, Nana Cath, Ruth, Paul, Colin, Lexie, Libby, Samantha, Shirley, Howard, Miles, Maureen, Gaia...
Das sind einige Namen, die im Laufe von Rowlings Geschichte fallen werden. Manche wichtiger, manche unwichtiger, wobei es nichts gibt, was einen eher nebensächlichen Charakter davon abhalten könnte, plötzlich - und sei es nur für ein paar Seiten - in den Mittelpunkt zu rücken. Gerade am Anfang habe ich mich viel zu oft gefragt: "Wer war das noch mal?". Welche Position vertritt die Figur, wer gehört zu welcher Familie, wer verbirgt sich hinter Spitznamen wie Pingel, Fats oder Arf? Eine Übersicht gibt es nicht, feste Perspektiven innerhalb eines Kapitels gibt es nicht - einfach zurückblättern und die Antwort auf die Frage finden ist mindestens umständlich, wenn ich sogar manchmal fast unmöglich. Einige Figuren kommen aus dem nichts, verschwinden wieder, tauchen erst viele Kapitel später wieder auf. Das, zusammen mit der Vielzahl der Charaktere, macht die erste Hälfte von "Ein plötzlicher Todesfall" nicht gerade zu einem Lesevergnügen. Neben der Handlung selbst muss sich der Leser sehr auf Namen und Zugehörigkeiten der Protagonisten konzentrieren und kann bei all dem Kramen nach den Erinnerungen schnell den Überblick verlieren.

Hinzu kommt, dass die Geschichte am Anfang, nach Barry Tod, recht schwerfällig in Gang kommt. Es hieß also gerade auf der ersten Hälfte des Romans hochkonzentriert einen eher trockenen Stoff zu lesen - das sorgte bei mir für erhebliche Längen. Selbstverständlich sollte niemand ausgehend von seiner Begeisterung für die Harry-Potter-Bücher zu diesem Roman greifen, da schon der Inhalt darauf verweisen sollte, dass es sich hier um etwas völlig anderes handelt, aber dennoch ziehe ich jetzt einen kleinen Vergleich: Rowlings neuem Werk fehlt die Leichtigkeit. Hier wurde viel gewollt, unzählige Schicksale, soziale und familiäre Abgründe wurden auf 570 Seiten gepackt, um dem Leben einer ganzen Stadt gerecht zu werden. Weniger wäre wahrscheinlich mehr gewesen. Mehr Übersichtlichkeit, weniger Verwirrung. Außerdem fehlen unter den Charakteren die Identifikationsfiguren, die Sympathieträger. Denn die Abgründe des sozialen und politischen Miteinanders stehen für Rowling zweifellos im Mittelpunkt und die meisten Figuren verkörpern Tristesse und Missmut.

Wenn sich der Leser erst einmal eine Übersicht geschaffen hat, wird der Roman spannender und gipfelt in einem fantastischen Ende, in dem das Talent der Autorin zweifelsfrei wieder aufblitzt. Es ist außerdem hervorragend geschrieben, die Geschichte ist - im Nachhinein betrachtet - in sich stimmig und sehr durchdacht, was allerdings leider während des Lesens teilweise von der undurchsichtigen Charakterkonstellation verborgen wird. Bei der Perspektive bleibt die Autorin sich treu. Sie wählt den allwissenden Erzähler, der ohne festes Muster und erkennbare Übergänge vom Innenleben eines Charakters zum nächsten wechselt. Dadurch, dass Rowling jedem ihrer unzähligen Charaktere eine Menge Ballast aufbürdet, bleibt der Roman atmosphärisch durchgehend eher düster. "Ein plötzlicher Todesfall" ist schwere Kost, kein leichtes Lesevergnügen, und auch wenn das nicht zwangsläufig etwas Schlechtes ist, lechzte ich irgendwann nach ein kleinen Lichtblick in all den grauen Gedanken. Doch es kam keiner.

Fazit: Der große Wurf ist es nicht. Mit "Ein plötzlicher Todesfall" hat Rowling viel gewollt - zu viel. Das soziale Leben einer ganzen Kleinstadt tummelt sich in diesem Roman, der eine drückende, graue Stimmung versprüht. Es ist lange unübersichtlich und hat deutliche Längen. Erst das Ende hat mich richtig mitgerissen. 3 Sterne


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Allgemeine Informationen

Ausgabe: Gebunden, Sep. 2012
Seiten: 576
Verlag: Carlsen
englischer Originaltitel:  A Casual Vacancy
ISBN: 978-3551588883
Preis: € [D] 24.90

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage zum Buch

Kommentare:

  1. Uii, hört sich ja nicht soo supi an. Ich werde das Buch dann wohl eher nicht lesen, aber trotzdem tolle Rezi :)
    LG, Sandrina

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  2. Ich hab das Buch immer noch auf dem Schirm, allerdings hab ich auch schon von Anfang an den Gedanken im Hinterkopf gehabt: Gehst du nach Harry Potter nicht mit viel zu hohen Erwartungen an dieses Buch ran? Aber so völlig undurchsichtige Charakterkonstellationen finde ich ganz grauenhaft. Bei "Flamme und Harfe" von Ruth Nestvold war es ähnlich, hunderte von Namen und da gab es hinten ein Personenverzeichnis. Das Blättern hat mich aber schon da genervt. So ganz ohne Übersicht... puuh. Da denk ich vielleicht auch nochmal drüber nach.

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  3. Hallo Sarah,

    nun hatte ich leider schon befürchtet, wenn man an Harry Potter denkt.
    Schade, aber warum macht Frau Rowling nur so was, also Geld kann es ja wohl nicht sein.

    LG..Karin...

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