Samstag, 29. September 2012

Rezension zu "Der Tod kann mich nicht mehr überraschen" von Heike Vullriede


Ist das Leben so schlecht?

"Der Tod kann mich nicht mehr überraschen" von Heike Vullriede ist ein Roman, der sich mit dem Thema Sterben und dem "Loslassen" beschäftigt. Meine Erwartungen an die Geschichte, insbesondere an ihre emotionale Seite, konnte er allerdings nicht erfüllen.

Zum Inhalt: Marvin bekommt eine Diagnose, die sein Leben für immer verändert. Er hat einen Gehirntumor und muss sich einer Chemotherapie unterziehen. Während er im Krankenhaus liegt, besuchen ihn allerhand Verwandte, Freunde und Bekannte, die sich Marvin allerdings plötzlich von einer ganz anderen Seite zeigen. Doch auch Marvin verändert seine Krankheit sehr...

Der Großteil des Romans spielt im Krankenhaus. Im Mittelpunkt steht allerdings nicht die Auseinandersetzung mit der Krankheit selbst oder dem im Klappentext angekündigten "Kampf" dagegen, sondern die Aufarbeitung der Beziehungen zwischen Marvin und den Menschen, die ihn im Laufe seiner Zeit im Krankenhaus besuchen kommen. Eigentlich ein vielversprechender Ansatz, gerade wenn es um die emotionale Ebene des Romans geht, mich hat es aber leider eher enttäuscht. Marvins Besucher entpuppten sich ausnahmslos als eine Parade aus Schlechtigkeiten und Enttäuschungen. Zwar werden einige dieser ausgeworfenen Konflikte anschließend wieder aufgearbeitet, ich empfand aber schon das Auflaufen all dieser Besucher im Krankenhaus als sehr eintönig, da jeder Krankenbesuch ähnlich ablief. Dadurch hatte dieses dünne Büchlein vor allem im Mittelteil für mich erhebliche Längen.

Was mit völlig fehlte, war der "Kampf" gegen die Krankheit. Sicher konnte man sich im Laufe des Romans auch fragen, wozu Marvin überhaupt kämpfen sollte. Sein soziales Umfeld stellt sich immerhin als so schlecht heraus, ohne jegliche Lichtblicke - jedenfalls keine, die nicht nach spätestens zwei Seiten wieder zerstört werden, dass es mir schwer fiel, darin eine Motivation für das Leben zu finden. Stattdessen verliert Marvin sich auch noch in Verschwörungstheorien, mit denen er das Krankenhauspersonal nervt - und mich auch, denn diese Nebenhandlungen waren einfach nur völlig irrelevant. Auch der Umgang der Ärzte und Pfleger mit Marvin war für mich unglaubwürdig. Sie wissen, dass vieles von dem, was er tut und denkt, von seiner Krankheit beeinflusst wird, gehen aber kaum darauf ein und bieten auch keine darauf ausgerichtete Betreuung.

Der Schreibstil dagegen war sehr gut, auch wenn die Geschichte am Ende zu schnell erzählt wurde, wodurch leider einige Abläufe kaum noch zu erschließen waren. Der Schluss selbst konnte mich dann zwar wieder ein wenig mehr überzeugen, als einige Passagen zuvor, aber insgesamt fehlte mir vor allem gefühlsmäßig einiges. Die Geschichte wird ausnahmslos aus der Perspektive des kranken Marvins erzählt und bietet dennoch zu wenig Sympathieträger und zu wenig berührende Momente, stattdessen viele abstoßende, die mich in ihrer Masse nur leider schlicht erschlagen haben.

Fazit: Es war nicht das, was ich erwartet hatte. Die Aufarbeitung der zwischenmenschlichen Beziehungen als Vorbereitung auf den Tod steht im Mittelpunkt, nicht die Krankheit selbst, aber vieles wird einfach durch zu viele, teilweise sehr nichtssagende, Nebenhandlungen verdrängt und das durchgehend deprimierende Niveau erstickte meine letzten Gefühlsregungen, die durch mangelnde Sympathieträger ohnehin schon recht eingeschränkt waren. 3 Sterne



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Allgemeine Informationen

Ausgabe: Broschiert, August 2012
Seiten: 234
Verlag: Luzifer
ISBN: 978-3943408072
Preis: € [D] 14.50

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage

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