Donnerstag, 27. September 2012

Rezension zu "Shades of Grey" von E L James


Ein bisschen Erotik, ein bisschen Kitsch

"Shades of Grey - Geheimes Verlangen" ist der erste Teil einer Trilogie von E L James, die als Twilight-Fanfiction im Internet begann und sich zum umstrittenen Bestseller entwickelte. Durch die umfangreiche Berichterstattung in allen Medien, die diesen Roman begleitet, bin ich mit recht gemischten Gefühlen an dieses Buch herangegangen - und habe es auch mit recht gemischten Gefühlen beendet. Es war nicht so schlecht, wie ein Teil von mir erwartet hatte, aber auch nicht so gut, wie sein Bestsellerstatus vielleicht vermuten ließe...

Aber erst einmal zum Inhalt: Anastasia Steele ist 21 Jahre alt und steht kurz vor ihrem College-Abschluss, als sie spontan als Vertretung für ihre kranke Mitbewohnerin ein Interview mit dem erfolgreichen Unternehmer Christian Grey für die Studentenzeitung führt. Die in Sachen Liebe völlig unerfahrene junge Frau ist sofort fasziniert von dem äußerst attraktiven Milliardär und bekommt ihn nicht mehr aus dem Kopf. Als sich die beiden wieder sehen, erfährt sie allerdings, dass Christian ganz andere Vorstellungen von einer Beziehung mit ihr hat, als sie selbst...

Um vielleicht gleich am Anfang zu beginnen: Der war langweilig. Es dauert eine ganze Weile, bis die Sache zwischen Anastasia und Christian Fahrt aufnimmt und bis zu dem Punkt fallen vor allem die Schwachstellen des Romans ins Auge, sodass ich mich wirklich bemühen musste, auf diesen ein-, zweihundert Seiten nicht aufzugeben. Besonders den Ursprung der Geschichte als Twilight-Fanfiction merkt man hier einigen Passagen an, bei denen zum Beispiel versucht wird, Situationen aus dem Fantasyroman Twilight in diesen Fantasy-freien Roman zu übertragen, was bei mir meistens einen Eindruck irgendwo zwischen grotesk-peinlich und unfreiwillig komisch hinterließ. Auch die Charaktere wurden natürlich den Figuren aus der Teenie-Schnulze nachempfunden: Die fast 22jährige Anastasia ("Nenn mich Ana") gibt mitsamt ihrer Tollpatschigkeit und kindlichen Naivität einen Bella-Verschnitt ab, den man getrost und ohne Gewissenbisse als "dummes Huhn" bezeichnen kann, während Christian Grey, das unfassbar attraktive Edward-Double, den arroganten, dominanten Kontrollfreak mit Hang zum säuselnden Weichei darstellt.

Eine weitere kaum zu übersehende und nicht zu leugnende Schwachstelle von "Shades of Grey" ist der Schreibstil. Sowohl sprachlich als auch inhaltlich quält die Autorin ihre Leser mit Wiederholungen, Füllworten, wie "Oh Gott", mit denen die Ich-Erzählerin nur so um sich wirft, und vollständig sinnfreien Entgleisungen, wie etwa der "inneren Göttin". Was auch immer das ist, Anastasia hat es und die Autorin lässt die Ich-Erzählerin auch gefühlte hunderttausendmal auf die diversen Regungen dieser "inneren Göttin" hinweisen. Außerdem fällt leider auf, dass man es in diesem Roman mit einem äußerst begrenzten Wortschatz zu tun hat, der kaum ausreicht, um die rund 600 Seiten auch nur annähernd abwechslungsreich zu füllen - genau genommen reicht er nicht einmal aus, um die zahlreichen Sexszenen ausreichend zu variieren. Jede zweite läuft gleich ab, beginnt mit einem Hinweis darüber, wie gewaltig Mr Grey bestückt ist, erwähnt anschließend wie "völlig/vollkommen" er sie "ausfüllt" und endet damit, dass das Haar einer der beteiligten Personen "postkoital" ist.

Und wo ich jetzt schon beim Thema Sex bin, muss ich sagen, dass meine Erwartungen, geprägt durch die Berichte in den Medien und andere Kritiken, in diesem Punkt doch am Weitesten von dem abwichen, was ich dann letztendlich gelesen habe. Sicherlich ist es ein erotischer Roman und es gibt wirklich zahlreichen und auch nicht detailarm geschilderten Sex, aber er war dennoch nicht annähernd so häufig und vor allem nicht annähernd so "hart", wie ich geglaubt hatte. Fesselspielchen und Peitsche kamen vor, konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich hier in erster Linie einen Liebesroman zwischen einer unerfahrenen Frau und einem emotional in irgendeiner Form traumatisierten Mann gelesen habe.
Diese Liebesgeschichte war dann recht mitreißend und süß und hat es zusammen mit der leichten Erotik doch noch geschafft, mich an das Buch zu fesseln, als der langweilige Anfang erst einmal überstanden war. Es war teilweise romantisch, prickelnd und spannend, allerdings auch kitschig, sodass ich zwischen Momenten gespannten Lesens nicht um einige Fremdschäm-Attacken und Anfälle pubertären Gekichers herumkam - eigentlich erneut eine Parallele zu "Twilight", das ich mit ähnlichen Gefühlsregungen gelesen habe. Zu guter Letzt konnte das Buch dann auch noch mit einem leicht überraschenden Ende aufwarten, sodass ich jetzt tatsächlich versucht bin, den zweiten Teil zu lesen, da ich wirklich wissen möchte, wie es mit der komplizierten Liebe zwischen Ana und Mr Grey weitergeht.

Fazit: Ob "Shades of Grey" zurecht ein Bestseller ist, darüber kann man wahrscheinlich streiten. Das Prinzip "Sex sells", seine Nähe zu den berühmten Twilight-Büchern und die Medien haben es wahrschlich einfach dazu gemacht, auch wenn die Autorin sprachlich noch in den Kinderschuhen steckt. Es ist aber trotz relativ häufigem Sex kein reiner Erotikroman und erst recht ist es kein Ratgeber für etwaige Sex-Praktiken, sondern vor allem ein naiv-kitschiger Liebesroman, der nach einem schwerfälligen Anfang für ein paar entspannte Lesestunden mit leichter, aber nicht uninteressanter Unterhaltung sorgen kann. Knappe 3 Sterne.


Die "Shades-of-Grey"-Trilogie (mit Links zu Amazon.de)
  1. "Geheimes Verlangen" (Juni 2012, englischer Originaltitel: "Fifty Shades of Grey")
  2. "Gefährliche Liebe" (Sep. 2012, englischer Originaltitel: "Fifty Shades Darker")
  3. "Befreite Lust" (Okt. 2012, englischer Originaltitel: "Fifty Shades Freed")

Allgemeine Informationen

Ausgabe: Klappenbroschur
Seiten: 608
Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442478958
Preis: € [D] 12.99

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage

"Shades of Grey - Geheimes Verlangen" bei Amazon


Kommentare:

  1. Ich kenne dein Buch nicht und überlege hin und her ob ich es lesen soll.. damit man halt mitreden kann :D Deine Rezension finde ich aber total interessant geschrieben!

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  2. Schöne Rezi.
    Ich hab es mir "vorlesen lassen", war ganz nett und lustig, aber den Hype den dieses Buch genießt hat es meiner Meinung nach nicht verdient.
    Ich höre gerade Teil 2 und bin eigentlich ziemlich genervt. Hänge da auch schon seit über zwei Wochen dran. Ein stetiges Augenrollen ;-)

    Liebe Grüße
    MacBaylie

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  3. Tolle Rezi und ich finde, du triffst den Nagel auf den Kopf. Mit dem Schreibstiel hatte ich auch am meisten zu kämpfen und begann mich mit der Zeit wirklich zu nerven! bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich den zweiten Teil wirklich lesen will.
    Lieber Gruss Janina

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