Donnerstag, 14. Juni 2012

Rezension zu "Stimmen in der Nacht" von Laura Brodie


Eine Nacht, die ihr Leben veränderte...
 
"Stimmen in der Nacht" von Laura Brodie erzählt von einer Familientragödie, die zehn Jahre nach dem eigentlichen Ereignis langsam aufgearbeitet wird. Die spannende Leseprobe und auch das Cover mit dem etwas traurig wirkenden Kindergesicht überzeugten mich zunächst von diesem Buch. Am Ende bin ich aber leider nicht mehr ganz so überzeugt...

Inhalt: Die 5-jährige Maggie und ihre Mutter, die Collegeprofessorin Emma, sind allein in ihrem abgelegen stehenden Haus, als eines Abends drei Studenten in der Gegend auftauchen. Ein harmloses Gespräch und ein Toilettengang enden mit einem Blutbad, welches das kleine Mädchen mit ansieht. Fast zehn Jahre später kommen die Ereignisse in Maggie wieder hoch, die Alpträume in der Nacht, die über die Jahre nachgelassen haben, kehren plötzlich zurück. Hat es etwas mit Maggies neuer Mathelehrerin zu tun, die ihr ohne wirklichen Grund so unheimlich erscheint? Und was ist in dieser Nacht wirklich passiert?

"Stimmen der Nacht" hat mir erst wirklich sehr gut gefallen. Die Charaktere sind authentisch, vor allem die 15-jährige Maggie, die Tag für Tag die Erinnerung an das traumatisierende Ereignis ihrer Kindheit mit sich herumschleppt und sich nie getraut hat, die ganze Wahrheit preiszugeben. Die Autorin erzählt die Geschichte sehr geschickt, lenkt den Leser in falsche Richtungen und überrascht ihn dann vollkommen. Dadurch und auch durch den sehr guten Schreibstil, der eine intensive Atmosphäre erzeugt, ist die Spannungsdichte durchgehend hoch, sodass ich das Buch auch kaum aus der Hand legen konnte...nur kam dann leider, nach etwa der Hälfte der Einbruch und die schleppende, schwerfällige Langeweile.

Nach einer wirklich starken Wendung, die mir als Leser noch einmal fast den Atem raubte - eine der besten und überraschensten Wendungen, die ich seit langem gelesen habe, so gut vorbereitet, dass sie nicht im Geringsten vorherzusehen war - bricht die Spannung einfach völlig in sich zusammen. Der Roman hat sein Pulver verschossen, schon nach der Hälfte hält er keine Überraschungen mehr bereit. Die weiteren Schilderungen verlieren sich in Rückblenden in die Leben der Protagonisten, deren Lebenswege durch diese schicksalshafte Nacht dauerhaft verändert wurden. Insbesondere das direkte Nachbeben, das die Bluttat auf dem Campus auslöste, sowie die Schuldfrage stehen im Mittelpunkt. Teilweise konnten diese Abschnitte mich noch emotional berühren, teilweise waren sie aber auch belanglos, gegen Ende sogar sehr klischeebehaftet, was ich beim Lesen der starken ersten Hälfte dieses Romans eigentlich nicht für möglich gehalten hätte.

Vielleicht war ich zu verwöhnt von der intensiven Atmosphäre des Anfangs, von der Spannung und den starken Emotionen der glaubhaften Protagonisten, dass mir der weitere, eigentlich mittelmäßige Verlauf der Handlung, enttäuschend schwach erschien. Ich wartete auf den nächsten großen Höhepunkt, sicher, dass die tolle Wendung des Mittelteils nicht die letzte gewesen sein könnte, doch es kam nichts mehr. Stattdessen pendelte es sich auf konstant niedrigem Spannungsniveau ein und dümpelte dann auf diesem daher. Auch einige schockierende Details aus dem Leben des Opfers wirkten höchstens noch bemüht, überraschend waren sie nicht mehr. Das Ende fand ich dann wenigstens wieder etwas gelungener, nicht spannend, aber stimmig und mit schlüssigen Entwicklungen der Charaktere und ihren Beziehungen zueinander.

Der Schreibstil der Autorin bleibt allerdings über den ganzen Umfang des Romans hinweg sehr gut. Der Perspektivwechsel macht das Lesen abwechslungsreich, die Charaktere werden glaubhaft vermittelt und die Beschreibungen sind detailiert. Sie erwecken die beschriebenen Situationen im Kopf zum Leben. "Stimmen der Nacht" ist zu großen Teilen ein nachdenklicher Roman mit vielen Gefühlen, wobei das Gefühl der Schuld die Handlung dominiert und sich wie ein roter Faden durch diese hindurchschlängelt. Die Charaktere sind es auch, die mit ihrer Authentizität und mit ihren jeweils eigenen Art, mit dem Schicksalsschlag umzugehen, das Niveau das Romans hoch halten, wenn die Spannung schon ins Bodenlose gefallen ist und die verbleibenden Geheimnisse und Enthüllungen nicht mehr überraschen können.

Fazit: Ein sprachlich sehr guter Roman mit wundervollen Charakteren und einer einzigartigen Wendung. Wer sich für Familienschicksale begeistern kann und zudem vielleicht auch etwas für Krimis übrig hat, wird mit "Stimmen der Nacht" wahrscheinlich keinen Fehlkauf begehen. Leider hält der Roman die Spannung nicht, sodass ich zwischen 3 und 4 Sternen schwanke, mit Tendenz nach oben. Also 4 Sterne und eine eingeschränkte Leseempfehlung.


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 Allgemeine Informationen

Ausgabe: Taschenbuch, 1. Juni 2012
Seiten: 336
Verlag : Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv)
Englischer Titel: All the Truth (3. Juli 2012)
ISBN: 978-3423249126
Preis: € [D] 14.90
 Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage

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