Freitag, 16. März 2012

Rezension zu "Elefanten sieht man nicht" von Susan Keller


Wenn alle wegsehen...

"Elefanten sieht man nicht" von Susan Keller ist ein beeindruckendes Jugendbuch, dass mich fast vollständig überzeugen und sehr berühren konnte.

Zum Inhalt: Seit dem Tod ihrer Mutter verbringt die 13-jährige Mascha ihre Sommerferien bei ihren Großeltern in einer kleinen, langweiligen Siedlung, in der sich alle untereinander kennen. Auf dem Spielplatz lernt Mascha eines Tages die Geschwister Julia und Max kennen, die sich in ihren Augen für ihre neun und sieben Jahre recht merkwürdig verhalten. Als sie dann auch noch blaue Flecken und eine Platzwunde an den Kindern bemerkt und zufällig mitansieht, wie der Vater der Kinder sie schlägt, ist für sie die Sache klar: Sie muss eingreifen. Doch keiner hört ihr wirklich zu und man rät ihr stattdessen, sich rauszuhalten. In ihrer Verzweiflung nimmst Mascha die Sache selbst in die Hand und greift dabei zu drastischen Mitteln...

Größtenteils hat mir "Elefanten sieht man nicht" wirklich richtig gut gefallen. Schon der Titel sagt eigentlich das wichtigste aus: Die wirklich bedeutenden, großen Dinge werden übersehen - absichtlich, um das idyllische Leben in der eingeschworenen Siedlungsgemeinschaft nicht zu gefährden. Die Nebencharaktere, die Siedlungsbewohner inklusive der Großeltern, sind dabei sehr gut getroffen und bleiben in ihrem Handeln bis zum Ende sehr glaubhaft. Jeder Charakter kommt gut zur Geltung und bringt neue Facetten in die Gemeinschaft und für mich war dieses Szenario der wirklich starke Teil des Buches.

Auch die Atmosphäre ist wirklich gelungen. Die Sprache ist einfach gehalten, hat aber auch etwas Witz und ein paar lockere Sprüche zu bieten. Für eine 13-jährige Ich-Erzählerin fand ich es sprachlich daher insgesamt sehr authentisch und konnte mich gut in die berührende und gleichzeitig aufreibende, wütend machende Handlung einfinden. Besonders hervorzuheben ist für mich in diesem Zusammenhang der gelungene Schluss, der recht offen gehalten ist und gänzlich auf fast schon befürchteten Kitsch und stimmungszerstörende, unrealistische Happy-Ends verzichtet und das Buch dadurch auch für Erwachsene um so lesenswerter macht.

Was mich einfach besonders in der zweiten Hälfte gar nicht überzeugen konnte, war die Ich-Erzählerin selbst. Sie handelt erst sehr erwachsen, wirkt sehr reif und handelt überlegt, richtig und sinnvoll. Würde es allerdings dabei bleiben, könnte es zu einer Zuspitzung der Situation, wie sie sich innerhalb dieses Romans entwickelt, gar nicht kommen. Daher wird der Spannung der Handlung ein wenig die Glaubwürdigkeit der Protagonistin geopfert und das ist wirklich schade, zumal es in einem Ausmaß geschieht, dass ich einfach kaum noch erträglich fand. Mascha wird aus heiterem Himmel eine sehr irrationale Person, die sogar noch naiv-kindlicher wirkt, als die 9-jährige Julia, deren Gedanken und Sorgen sie zwar zuerst berechtigt in Frage stellt, dann aber plötzlich doch unreflektiert adapiert.

Cover und Buchgestaltung finde ich wiederum sehr schön, besonders da sich unter dem Schutzumschlag mit der interessanten blauen Hütte, die im Laufe des Romans eine wichtige Rolle spielen wird, die blauen Balken wiederfinden. Die Schriftgröße war für meinen Geschmack allerdings schon grenzwertig groß.

Fazit: Insgesamt ein wirklich schönes, sehr berührendes Jugendbuch, das durchaus aufrütteln kann. Leider schwächelt die Ich-Erzählerin in der zweiten Hälfte deutlich und verliert an Glaubwürdigkeit, während die Charaktere im Hintergrund um so stärker überzeugen konnten. Lesenswert! 

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