Mittwoch, 15. Februar 2012

Rezension zu "Sahnehäubchen" von Anne Hertz


 Macho-Klischee mit Romantikdefizit

Zuerst einmal: Das Buch wurde mir empfohlen - als junger, moderner Frauenroman. Ich bin halbwegs jung (Mitte 20) und eine Frau. Dementsprechend hatte ich erwartet in die Zielgruppe dieses Romans zu fallen und, da mir auch das hübsche Cover wirklich gefallen hat, habe ich es gleich als es erschienen war, bestellt. Leider konnte er mich nicht wirklich überzeugen.

Kurz zum Inhalt: Nina Seefeld ist Anfang 30, überzeugter Single und PR-Agentin in einer kleinen Hamburger Agentur. Schon den neuen Volontär Tom, den sie auf Wunsch ihrer Chefin Susanne einstellen muss, kann sie nicht leiden. Tom ist 30 und hat in seinem Leben bis jetzt noch nichts zu Stande gebracht, ist aber dafür der Sohn des neuen Großkunden - einem Verleger. Dieser Verleger gibt der Agentur den Auftrag ein neues Buch zu vermarkten - eine Aufreißerbibel des texanischen Macho Dwaine. Nina ist natürlich überhaupt nicht begeistert, mit diesem Typ auf Lesungstournee gehen zu müssen...

Also das Dauer-Klischee: Macho trifft selbstbewusste Singlefrau. Das kann ja durchaus auch funktionieren - ist immerhin ein bewährtes Konzept bei Frauen/-Liebesromanen. Doch obwohl sich Tom auch noch als der klassische "Mr. Nice Guy" entpuppt, funktioniert es in diesem Roman irgendwie so gar nicht.

Ein wichtiger Bestandteil solcher Romane ist es für mich, dass ich als Frau mit der Protagonistin mitfiebern kann, dass ich ihr den netten Typen gönne und mir wünsche, dass sie nicht auf den Macho reinfällt.
Leider war mir die Protagonistin die gesamte erste Romanhälfte aber dermaßen zuwider, dass ich ihrem Beziehungsleben völlig gleichgültig gegenüberstand. Ich hatte sogar den Gedanken: "Gleich und gleich gesellt sich gern - also soll die zickige Schwarzmalerin und Dauerkratzbürste doch ruhig den Macho-Schmierlappen nehmen".

Denn auch wenn der Klappentext sagt, "Nina ist ein netter Mensch, aber neuerdings..." und sie sich selbst auch als "nett und gutmütig" (S. 23) empfindet: das ist sie NICHT. Sie ist zickig, kratzbürstig, eine gnadenlos an allem rummäkelnde Schwarzmalerin und irgendwie langweilig und spießig und vor allem nicht modern. Ich kann mich gerade zu Beginn des Buches an kaum eine Situation oder Person erinnern, bei der die Ich-Erzählerin nicht schon von vornherein alles doof findet.

Das für mich aussagekräftigste Beispiel für ihr ununterbrochenes, grundloses Gemecker: "Ein Mann mit Humor, das kann ja heiter werden" (S.74)- eine Reaktion auf ein ganz harmloses Begrüßungswitzchen eines optimistischen Kunden. Wie kann dieser Mann es auch wagen gute Laune zu haben, während Nina wieder in ihren "Alles Mist hier"-Gedanken schwelgt. An der Stelle habe ich übrigens zum ersten Mal gelacht - aus Verzweiflung! Wie soll ich einer Frau den glücklichen Single abkaufen, wenn sie nur meckert und zickt?

Des Weiteren wird Nina gegenüber Kunden pampig und ist ansonsten gerne mal unprofessionell (worauf sie aber niemand hinweisen darf, denn dann - richtig - Kratzbürste) und ihren zugegeben total unerfahrenen und zu lockeren Volontär behandelt sie so überheblich, dass ich nur noch angeekelt war. Dazu ist sie noch furchtbar unlocker: In Bars geht sie eigentlich nicht, Silvester verbringt man als Anfang-30-Single in der Metropole Hamburg auf dem Sofa und wenn ein fast gleichaltriger Mann ihr das "Du" anbietet, denkt Nina: "Ich persönliche meine, dass die Dame das Du anbietet"(S. 130)...puh, wie anstrengend.

Dazu kommt dann noch etwas unglaubwürdige PR-Arbeit: Soll ich glauben, dass eine junge PR-Agentin mit langjähriger Erfahrung wirklich einen zwei Jahre jüngeren Volontär braucht, der ihr erklärt, dass Social Networks die neuen Promotion-Wunder sind? War die Gute im mehrjährigen Winterschlaf? Ich dachte, Nina ist "modern". Auch ihre sonstige "PR-Arbeit" beschränkt sich auf Wirkungslosigkeiten - glaubt man diesem Buch und Nina, dann ist Medienpräsenz etwas schlechtes, wenn man bekannt werden will...Aha - komisch, oder?

Man kann also sagen, dass Nina mich die erste Hälfte des Romans einfach nur genervt hat - so eine Person würde ich nicht zur Freundin haben wollen (Irgendwie hat sie auch keine Freunde und an ihrer Familie zeigt sie - anfangs- ein ausgeprägtes Desinteresse). Über ihre zickigen Ausbrüche wegen jeder Kleinigkeit konnte ich auch nicht lachen - sie waren einfach überzogen.

Interessanterweise geschehen die meisten Kratzbürstenattacken auch BEVOR Dwaine überhaupt nur erwähnt wird. Dabei soll der doch Schuld sein an ihrer miesen Laune?!? Hätte der Roman also nur diese ersten 180 Seiten - das hier wäre eine 1-Sterne-Rezension.

Aber plötzlich ist Nina wie ausgetauscht. Die tatsächlich ganz nette Nina ist da - man müsste den Klappentext also ändern in: "Nina ist KEIN netter Mensch, aber neuerdings...".

Das Langweilige ist nur, dass mittlerweile sowohl Tom als auch Dwaine zu netten (oder besser bemitleidenswerten) Männern geworden sind und mir Ninas Beziehungsleben demnach immer noch egal ist. Trotzdem: Die zweite Hälfte war besser - bis auf die letzten 20 Seiten. Beim Ende wollten die Autorinnen wohl noch mal ein paar ordentliche Wendungen raushauen - es wird aber eher absurd.

Zu all der Langweile wegen phänomenaler Gleichgültigkeit an allen Handlungspersonen kommt noch hinzu, dass dieser "Liebesroman" Romantik nur in dezenten Dosen zulässt. Es kommt gar kein Gefühl auf. Kein Kribbeln, keine Schmetterlinge - nix. Auch körperlichen Kontakt zwischen Männlein und Weiblein sollte man nicht erwarten: Über rumknutschen (höchstens zwei, drei Mal) kommt man nie hinaus, also ist der Roman auch noch eins-A jugendfrei.

Fazit: Insgesamt fand ich das Buch also lesbar, aber nicht lesenswert. Der Schreibstil ist flüssig, aber nichts besonderes. Ich würde das Buch nicht noch einmal kaufen und kann es daher auch nicht empfehlen. 2 Sterne für eine akzeptable 2. Hälfte, die wenigstens ein bisschen Witz und Charme gebracht hat. 

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