Mittwoch, 1. Februar 2012

Rezension zu "Das verbotene Eden - David und Juna" von Thomas Thiemeyer


Zu viele offene Fragen

Ich habe schon vor einigen Jahren Romane des Autors Thomas Thiemeyer wie "Magma" und "Nebra" gelesen und die haben mir gut gefallen. Da ich gleichzeitig auch viele Jugendbücher lese und Dystopien ohnehin gut finde, dachte ich, dass eine Kombination aus allem nicht allzu schlecht werden kann und habe bei "Das verbotene Eden - David und Juna" zugegriffen, obwohl mich das Cover, das sonst oft maßgeblich zu meiner Kaufentscheidung beiträgt, eigentlich von vornherein wenig angesprochen hat. Aber dazu später...

Zuerst kurz zum Inhalt: Wir schreiben das Jahr 2080 in den Überresten einer deutschen Stadt. Männer und Frauen leben seit 65 Jahren getrennt, denn durch einen Virus hassen sie einander. Nur durch ein Abkommen werden überhaupt noch Kinder geboren, doch die Zusammentreffen von Männern und Frauen werden immer gewalttätiger, das Abkommen ist in Gefahr und ein Krieg droht. In dieser Zeit leben der junge Mönch David und die Kriegerin Juna, gerade einmal 17 Jahre alt...

Tja, wo soll ich mit meiner Meinung anfangen? Mir hat so vieles an diesem Roman nicht gefallen...Wie wäre es zum Beispiel mit den Klappentext? Er verspricht: "Faszinierend düster und wunderbar romantisch". Ich stimme weder Ersterem noch Letzterem zu. Die aufgebaute Welt war für mich nicht wirklich düster. Klar, die beiden Völker können sich nicht leiden und begegnen sich nur gezwungenermaßen. Die Frauen leben in der Natur, die Männer in den Überresten der Stadt. Die Männer verwenden zumindest noch Fahrzeuge und moderne Feuerwaffen, die Frauen sind technisch komplett in die Steinzeit zurückgekehrt. Gelegentlich fahren die Männer in die Frauenorte im Grenzgebiet, um dort einen Tribut in Form von Lebensmitteln einzufordern und mit emfängnisbereiten Frauen im "Schandkreis" Kinder zu zeugen. Aber ansonsten - abgesehen von diesen unerfreulichen Aufeinandertreffen - führen sie getrennt voneinander ein ziemlich merkwürdiges, spirituelles und nicht unbedingt "düsteres" Leben...und zum "wunderbar romantisch" komme ich später noch...

Leider fand ich die Welt insgesamt einfach auch kein bisschen glaubwürdig. Es sollen gerade einmal 65 Jahre vergangen sein! Es leben sogar noch Menschen, die vor dem Virus Beziehungen zum anderen Geschlecht hatten, wie der Abt Benedikt oder die alte Magdalena bei den Frauen. Und doch ist angeblich alles Wissen und fast jede Technik verloren. Wie geht das? Warum sollten diese Menschen nicht mehr wissen, dass die Stadt Köln heißt, die beeindruckende Kathedrale Kölner Dom und der Fluss Rhein? Warum haben sie die gesamte Zivilisation vergessen und die Aufklärung? In nur 65 Jahren und mit Zeitzeugen scheint mir das völlig abwegig! Wenn die Männer in der Stadt blieben, warum konnten sie die normale Versorgung nicht auch über die "dunklen Jahre" fortführen? Abt Benedikt erzählt sogar noch davon, wie er mit einem Messer fast tödlich verletzt wurde und die Frauen am nächsten Tag verschwunden waren. Da gab es wohl noch genug Zivilisation, um seine Wunde fachmännisch zu versorgen. Und dann plötzlich nicht mehr?

Warum gibt es noch Autos, wenn das Verständnis von Technik kaum noch zur Stromversorgung ausreicht? Autos über mehr als sechs Jahrzehnte vor Rost und Verfall zu schützen und zu reparieren ist aber möglich? Wie funktioniert das eine ohne das andere? Warum leben die Menschen so schnell wieder in religiösen Gesellschaften, die an das Mittelalter erinnern? In Deutschland, wo die Religion seit Jahrhunderten an Einfluss verliert, gibt es plötzlich wieder hauptsächlich strenge Christen bei den Männern und heidnische Götteranbetungen und Hohepriesterinnnen (!) bei den Frauen - und das in mindestens zweiter Generation, wobei die aktuelle Hohepriesterin schon gut zwanzig Jahre ihr Zepter schwingt. Das scheint mir alles extrem gewollt und konstruiert, aber nicht realistisch. Nur weil sich eine Gruppe spaltet, fangen doch nicht von heute auf morgen alle an sich wieder im Schlamm zu suhlen und sich "Hexen" und "Teufel" zu nennen!

Weiter geht es mit der Aufrechterhaltung der Menschheit, wenn Geschlechtsverkehr nicht mehr freiwillig stattfindet. Angeblich soll die aktuelle Hohepriesterin Arkana maßgeblich für das bestehende Abkommen verantwortlich sein, das dafür sorgt, dass die männlichen Kinder den Männern überlassen werden. Trotzdem ist gerade zur Zeit dieses Abkommen die Nachkommenschaft gefährdet. Was war vorher? Es gibt Männer und Frauen jedes Alters, irgendwie muss das also funktioniert haben. Wie bleibt das große Geheimnis, so wie fast alle Fragen, die bei mir während des Lesens aufkamen, ein Geheimnis blieben. Vielleicht hinterfrage ich auch zuviel, aber ohne Antworten auf all die "Warum?s" ist diese Welt für mich erstmal nicht glaubwürdig. 65 Jahre sind mir einfach zu kurz...

Die Liebesgeschichte zwischen David und Juna rettet leider auch nichts. Es geht im ganzen Roman darum, dass die Liebe zwischen Männlein und Weiblein wiederentdeckt wird, aber man merkt davon einfach nichts. "Wunderbar romantisch" ist eindeutig etwas anderes. Auch die ständige Verknüpfung zu "Romeo und Julia" gingen mir irgendwann auf die Nerven und die Nebencharaktere waren alle sehr schwarz-weiß und vieles vorhersehbar. Gerade um Abt Benedikt gibt es eine so offensichtliche Geschichte, die mehrmals angedeutet, aber dann nicht aufgeklärt wird. Vermutlich kommt dazu in den Nachfolgebänden noch etwas (was bei den angekündigte Titeln "Logan und Gwen" für den zweiten Teil und "Ben und Magda" für den dritten Teil zu vermuten ist), aber warum mussten es dann so offensichtliche Andeutungen sein?

Spannung kam auch nicht auf, der Schreibstil ist durchschnittlich und die Dialoge manchmal gestelzt. Vor allem Juna war mir unsympathisch und ich konnte ihr ihre Rolle nicht abkaufen.
Ich habe es zu Ende gelesen, obwohl das Interesse schnell nachgelassen hat, aber ich muss nun einmal immer wissen, wie es ausgeht. Trotzdem musste ich mich sehr davon abhalten, nach der ersten Hälfte einfach nur noch die letzten zehn Seiten zu überfliegen, was ich ,im Nachhinein betrachtet, ruhig hätte tun können, denn die Geschichte endet nicht überraschend und zwischendurch passiert wenig Interessantes, was man nicht vorhersehen konnte.

Auch das Cover gefällt mir, wie anfangs bereits erwähnt, nicht. Mit David, der anstatt seiner Kutte anscheinend einen stinknormalen Kapuzenpullover trägt, kann ich ja noch leben, aber Juna ist schlecht getroffen. Eine Kriegerin mit markanten Bemalungen sieht wohl kaum aus wie ein mit Glitzersteinchen und gedrehten Löckchen leicht überstyltes Disco-Häschen!

Also, mein Fazit: Ein neuer Dystopieroman, der mich auch aufgrund meiner Erwartungen an den Autor enttäuscht hat. Sprachlich durschnittlich, nicht besonders spannend, kaum romantisch und schon gar nicht glaubwürdig. Weil es lesbar war, auch wenn ich die Handlung sehr konstruiert fand, tendiere ich irgendwie doch zu zwei Sternen anstatt nur einem, aber wer nicht wirklich ein Hardcore-Dystopie-Fan ist und dafür bereit ist über viele - wirklich sehr, sehr viele - Ungereimtheiten hinwegzusehen sollte die Finger von diesem Roman lassen.

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