Montag, 9. Oktober 2017

Projekt Shortlist - Mein Ranking

Heute abend wird der Gewinner des Deutschen Buchpreises 2017 bekanntgegeben. Da ich jetzt auch alle sechs Finalisten von der Shortlist gelesen habe, möchte ich vor der richtigen Preisverleihung mein eigenes kleines Ranking aufstellen.


Das jetzt folgende Ranking enthält nur kurze Zusammenfassungen meiner Eindrücke - ausführliche Rezensionen werde ich in den nächsten Tagen schreiben, da das Lesen aller Bücher bis zum heutigen Termin für mich Vorrang hatte.
Glücklicherweise - wie ich festgestellt habe - bin ich per Definition ja keine professionelle Kritikerin, sondern eine Eigentlich-Naturwissenschaftlerin-Hobbymäßig-Blogbetreibende-Leserin, und fühle mich daher nicht verpflichtet, sinnvoll-rationale Begründungen für jede der gleich getroffenen Einstufungen zu finden, die irgendwelchen literarischen Ansprüchen genügen würden. Kurz gesagt: Es ist viel Bauchgefühl dabei. 

Mir haben im Wesentlichen alle sechs Bücher ganz gut gefallen, wenn ich jetzt also mit "Platz Sechs" beginne, dann wird dieser sich im Sterne-System meiner Rezensionen bei 4 Sternen befinden.
Trotzdem ist es mir relativ leicht gefallen, zumindest die beiden Bücher zu benennen, die mir am wenigsten zugesagt haben. 


"Romeo oder Julia" von Gerhard Falkner
An sechste Stelle meines Ranking setze ich "Romeo oder Julia" von Gerhard Falkner. In diesem Roman reist ein Autor namens Kurt Prinzhorn zu Tagungs- und Veranstaltungszwecken von seinem Haus im Nirgendwo und zwei Wohnungen in Berlin hin und her, zuerst nach Innsbruck, dann nach Moskau und nach Madrid. In Innsbruck bereits wird in sein Hotelzimmer eingebrochen, ihm werden die Schlüssel geklaut und ansonsten keine Spuren hinterlassen außer einiger gut sichtbar in der Badewanne klebender langer schwarzer Haare. Der Ich-Erzähler knüpft daraufhin Verbindungen zu alten Liebschaften und fühlt sich von einer unbekannten Frau verfolgt, während er feiernd, trinkend und rauchend die Stationen seiner Reisen abklappert, seine Haar-Story immer wieder aufwärmt, flirtet oder andere Liebschaften pflegt und sich dabei mit seinem "Kriminalfall" immer mehr in Zusammenhang mit literarischen Figuren beziehungsweise Liebespaaren bringt. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, ob es am Ende tatsächlich auf ein, wie der Titel "Romeo oder Julia" vermuten lässt, Überleben von ihm oder der unbekannten Frau hinausläuft, muss ich gestehen, dass ich den Prinzhorn-Alltag ein wenig fad und seinen Charakter eher unsympathisch, reichlich selbstverliebt vor allem, fand. Es hätte ihn alles ruhig noch ein wenig mehr aus der Bahn werfen dürfen, ein wenig dramatischer am Ende oder zumindest zwischendurch, als Essenauswahl und Barbesuche dominierten, ereignisreicher sein können. Der Roman liest sich gut, sprachlich überzeugend geschrieben, und hat einen gewissen Sog, aber auf mich leider von diesen sechs Büchern den geringsten bleibenden Eindruck hinterlassen.

"Die Kieferninseln" von Marion Poschmann
Mein Platz Fünf sind "Die Kieferninseln" von Marion Poschmann, die ihren Protagonisten und Bartforscher (ja, ehrlich, über Gesichtsbehaarung forscht der) Gilbert Silvester nach (selbst verursachter) Beziehungs- und Lebenskrise auf einen Spontantrip nach Tokio schickt, wo er auf die Idee kommt der Route des Dichters Basho zu folgen, der 400 Jahre zuvor durch Japan pilgerte. Bevor der immer alles besser wissende und nie um eine sehr offenstichtlich bemüht zusammengedichtete Ausrede verlegene Gilbert Tokio allerdings verlassen kann, trifft er Yosa Tamagotchi (ja, ehrlich, Tamagotchi, wie die kleinen Hosentaschen-Haustiere aus den 90ern). Yosa, ein überforderter Student, möchte die Schande seines Scheiterns mit einem Suizid auslöschen, schafft es aber trotz "The Complete Manual of Suicide" in seinem Gepäck nicht, den richtigen Ort und die richtige Methode für sein Ableben zu finden. Gilbert bietet seine Hilfe an. So kurios die Geschichte klingt, so lustig und leicht wird sie im Roman auch erzählt. Die Sprache ist sehr auf den Punkt, sehr humorvoll, was der beabsichtigten Selbsttötung nur auf den ersten Blick zu widersprechen scheint, und die Autorin erschafft auf den gerade einmal rund 160 Seiten eine sehr lesenswerte Handlung - und obwohl ich es nicht genau festmachen kann, was mir am Ende fehlt, oder vielleicht auch nur deswegen, weil mir die vier folgenden Romane besser gefallen haben, bleibt "Die Kieferninseln" am Ende nur mein Platz Fünf.

"Schlafende Sonne" von Thomas Lehr
Thomas Lehrs "Schlafende Sonne" belegt in meinem persönlichen Ranking den vierten Platz. Dieser Roman war vor allem am Anfang für mich der "sperrigste" aller sechs Shortlist-Titel und das nicht wegen seiner Größe oder Seitenzahl oder wegen der ohne Absatz und in kleiner Schrift in perfekt rechteckigen durchgehenden Textfeldern bedruckten Seiten. Es hat einfach eine Weile gedauert, bis man die Erzählstimme und die in Rückblicken bis hinein in das frühe 20. Jahrhundert vorkommenden anderen angesprochenen Figuren zuordnen konnte. Im Kern ist es ein Beziehungsroman, der die Ehe zwischen Milena, einer Künstlerin mit bevorstehender großer Ausstellung, und Jonas, einem Physiker, um eine dritte Partei, Rudolf, Milenas ehemaliger Dozent, erweitert. Allerdings schweift der Roman immer wieder weit ab, auch sprachlich ist er eher eigenwillig, sehr bildhaft, aber eben manchmal auch schwer zu durchschauen. Einerseits fand ich ihn dadurch sehr interessant - interessanter als eine "einfache" Dreiecks-Beziehungskiste in meiner Vorstellung normalerweise ist -, andererseits ist es kein Roman, den man in einem Rutsch mal eben wegliest. Die Faszination dieser literarisch anspruchsvollen Schreibweise trotz der Anstrengung ihres Lesens ist für mich auch nur schwer zu erklären. Hat was von "Ist das Kunst oder kann das weg?" - schwer zu beschreiben, aber es hat mir gefallen...irgendwie.

Jetzt wird es schwierig. Die nächsten beiden Romane sind zwar grundverschieden, ich habe aber beide sehr gerne gelesen und sie könnten beide auch leicht mein Favorit für den Buchpreis sein, wenn ich diese Position nicht schon eindeutig vergeben. Welchen Roman ich allerdings an zweiter und welchen an dritter Position meines Rankings sehe, ist tatsächlich eher tagesformabhängig. 

"Außer sich" von Sasha Marianna Salzmann
Gerade eben ist "Außer sich" von Sasha Marianna Salzmann mein Platz drei. Es geht um die als Kind nach Deutschland imigrierte Ali, die sich selbst und ihren abgetauchten Zwillingsbruder Anton in Istanbul sucht. Ihre Suche nach der eigenen (sexuellen) Identität führt sie auch gleich über mehrere Generationen, bis hin zu ihren Urgroßeltern, zurück in der Geschichte ihrer jüdisch-russischen Familie von Odessa über Moskau ins niedersächsische Deutschland. Erzählt wird dabei nicht chronologisch, Ali ist mal Ich-Erzählerin, mal wird aus der dritten Person erzählt und dann folgen wieder - teilweise sehr lange - Rückblicke aus dem Leben der Vorfahren, bevor es zurück geht in das Istanbul der vergangenen Jahre, zeitlich angesiedelt grob zwischen den Gezi-Park-Protesten und dem Militär-Putsch-Versuch. Der Roman bleibt durch die wechselnden Perspektiven in den verschiedenen Zeiten interessant, hat verschiedene Erzähltempos in der Vergangenheit und in Alis eher ungezügeltem, ziellosen Leben in der Gegenwart und baut eine Brücke über die verschiedenen Generationen, einer zerbrochenen Familie und der geschlechtlichen Identität der Hauptfigur. Der Roman hat mir sprachlich und insgesamt sehr gut gefallen.

"Das Floß der Medusa" von Franzobel
An die zweite Stelle meines Rankings setze ich den einzigen Roman der Shortlist, der keine (Teil-)Handlung in der Gegenwart besitzt, sondern sich einem historischen Ereignis der frühen Neuzeit annimmt: "Das Floß der Medusa" von Franzobel. Mehrere Schiffe, angeführt von der Medusa, sollten 1816 von Frankreich zum Senegal segeln. Ausgerechnet das Flaggschiff kam vom Kurs ab, lief auf eine Sandbank auf und musste über viel zu wenige Beiboote und mit 147 Menschen auf einem zusammengezimmerten Floß, das manövrierunfähig zurückgelassen wurde, evakuiert werden. Der Autor beginnt bei der Rettung der letzten 15 Überlebenden des Floßes nach gut zwei Wochen auf dem Wasser, deutet Kannibalismus zunächst nur an, erzählt vom Schicksal ein, zwei ausgesuchter Überlebender und startet erst dann die chronologische Erzählung der Ereignisse, den Leser vorher geschickt eingefangen mit der Frage: Wer ist eigentlich Viktor und was wurde aus dem? Franzobel wählt dazu eine moderne Erzählstimme, quasi aus dem Off, die humoristisch die verschiedensten Charaktere, vom einfachen Matrosen bis hin zum Gouverneur, auf ihrer Schifffahrt begleitet und kommentiert. Der Humor lockert die Handlung so sehr auf, dass der Ekel bei den sehr detailreichen Beschreibungen mangelnder Hygienezustände aller Art erträglicher wird, auch wenn ich das ein oder andere Mal die bei der wirklich gelungenen Sprache ganz automatisch aufkommenden Bilder des Kopfkinos schnell wieder verdrängen musste und ich beim Lesen in einem Cafe auch einmal auf meinen scheinbar sehr angeekelten Gesichtsausdruck angesprochen wurde - und da war die Handlung noch lange nicht bei den wirklichen menschlichen Abgründen angekommen, das Schiff noch lange nicht gestrandet. Franzobels Roman hat also alles: Eine spannende Geschichte, die den Leser bei der Stange hält, eine schonungslos offen beschreibende Sprache und einen humorvollen Erzähler, der die Szenen wie ein Regisseur aus einer anderen Zeit entwirft und kommentiert. Ich fand es großartig - und ekelerregend. Aber vor allem großartig.

"Die Hauptstadt" von Robert Menasse
Mein Favorit, Platz Eins, ist also, gemäß der Beobachtung, dass jetzt nur noch ein Roman übrig bleibt,  "Die Hauptstadt" von Robert Menasse. Der Roman spielt in Brüssel, im Umfeld der Kommission der Europäischen Union, für die auch einige der Hauptfiguren arbeiten. Er entwirft anhand eines Projektes zur Feier des 60sten Jubiläums der EU-Kommission einen Ablauf im bürokratischen Wahnsinn der europäischen Zusammenarbeit aus Genehmigungen, persönlichem Ehrgeiz der Beamten, den Befindlichkeiten sich einmischender Nationalstaaten und dem Ränkeschmieden im Betrieb der verschiedenen Interessensvertretungen. Dazu bereichert ein Kriminalfall unter Einbezug der ebenfalls in Brüssel ansässigen Nato die Spannung des Romans und es wird ein Bogen geschlagen von Ausschwitz und seinen letzten Überlebenden bis hin zur heutigen Arbeit der Europäischen Union. Neben der Aktualität der Thematik EU und der Absurdität einiger gut recherchiert wirkender Details aus dem Alltagsbetrieb der Union, fasziniert der Roman vor allem durch die liebevollen Verbindungen der einzelnen Figuren, die sich, selbst wenn sie sich nicht kennen, in Brüssel ständig über den Weg laufen oder aber in ihrer biographischen Vorgeschichte, die hin und wieder eingeflochten wird, plötzlich Schnittpunkte zeigen, die quer über den europäischen Kontinent verlaufen und alles verbinden, so wie das Schwein, dass zu Beginn des Romans genau dann über einen Brüsseler Platz läuft, an dem sich viele Protagonisten genau in dem Moment aufhalten. Ich habe selten einen politischen Roman gelesen, der in seinen Verwicklungen präziser oder in seiner Aussage intensiver war und mehr zum Nachdenken angeregt hat. Zusammen mit einer lesenswerten Sprache, vielseitigen Figuren und informativen Details im Handlungsverlauf ist "Die Hauptstadt" damit von den sechs nominierten Roman mein klarer Favorit für den "Roman des Jahres".

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Das war also mein persönliches Ranking mit Favorit für die heute Abend anstehende Bekanntgabe des Preisträgers "Deutscher Buchpreis 2017". Das wird allerdings die echte Jury verbrechen und nicht ich mit meiner unfachmännischen, aber ehrlichen Meinung einer normalen Leserin, die einfach nur Spaß dran hatte und einen Anlass gefunden hat, wenigstens ab und an auch mal das zu lesen, was andere für "literarisch" oder einfach nur "gut" befunden haben, die nachweislich Professionen nachgehen, die mit Literatur zu tun haben. Und das Wichtigste: Es hat sich gelohnt. Ich fand die Romane auch gut. 

Eure
Sabrina


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