Dienstag, 10. Oktober 2017

Lesung - Robert Menasse auf der lit.RUHR in Essen

Gestern Abend wurde der österreichische Autor Robert Menasse als Preisträger des Deutschen Buchpreises 2017 bekannt gegeben, der mit 25000 Euro dotiert ist. Damit wurde "Die Hauptstadt", ein Buch, dessen Handlung im Umfeld der Brüsseler EU-Kommission angesiedelt ist, zum besten deutschsprachigen Roman des Jahres gekürt. Meiner Meinung nach hoch verdient, denn zumindest von den sechs auf der Shortlist vertretenen Werken, war dieses auch mein Favorit, wie ich euch gestern schon in meinem persönlichen Shortlist-Ranking erzählt habe.


Schon am Freitag war ich auf einer Lesung von Robert Menasse in Essen.
In diesem Jahr fand zum ersten Mal der Ruhrgebietsableger des internationalen Literaturfestivals lit.COLOGNE statt, die lit.RUHR, mit Zentrum in der Essener Zeche Zollverein und Ausläufern nach Duisburg, Bochum und Dortmund. Die in den Medien geführte Diskussion über den Sinn und die Funktion dieser fünftägigen Veranstaltung für das Ruhrgebiet (fehlende Abstimmung mit anderen Festivals, Schwächung regionaler Projekte oder doch Gewinn, Blablabla, Mimimi...) empfand ich persönlich als so ermüdend, bockig und gefühlt recht missgünstig - als würde anderen Veranstaltern die Butter vom Brot geklaut -, dass ich erst gar keine Lust mehr hatte überhaupt zu irgendeiner Lesung zu gehen. Nur weil ich "Die Hauptstadt" so interessant und die Verarbeitung der europäischen Idee darin so lesenswert, wichtig und richtig fand, habe ich mich spontan doch entschlossen, mir am Freitagabend die A40 von Dortmund nach Essen zuzumuten, um Robert Menasse live über seinen Roman reden zu sehen.

Wenn ich mal ehrlich bin, abgesehen von "Mord am Hellweg", wo allerdings eben nur Krimiautoren zu sehen sind und es teilweise weit raus ins Umland geht, läuft hier im Ruhrgebiet auf der Seite literarischer Veranstaltungen doch leider wirklich nicht viel. Wir gelten hier wohl in den Köpfen vieler Veranstalter immer noch als eher kulturferner Ex-Untertage-Haufen, jedenfalls wenn man sich die Reisekalender vieler internationaler Autoren anschaut, die Deutschland besuchen. Näher als Köln (wenn überhaupt) kommt kaum einer diesem Ballungsgebiet. Von daher bin ich eher froh über neue Konzepte, auch wenn sie aus Köln impotiert wurde...


...und siehe da, auch eine Lesung in der Stadtbibliothek Essen, mitten im Pott, kriegt man scheinbar gut gefüllt, denn - auch wenn ich als Erste-Reihe-Streberin nicht den Besetzungszustand jedes Stuhles in den Reihen hinter mir im Blick hatte - schlecht besucht sah die Veranstaltung nicht aus. Zunächst war ich zwar minimal enttäuscht, dass ausgerechnet diese Lesung - wenn schon in Essen - nicht in der Zeche Zollverein stattfand, allerdings bin ich vorher auch noch nie in der Essener Zentralbibliothek gewesen und war dann doch positiv überrascht von der langen Glaskuppel, die über zwei Ebenen einen Galeriebereich überspannte, mit Bühne und den Stuhlreihen in der unteren Etage.

Zwischen den Zuschauern und durch die Stuhlreihen wuselte übrigens ein Kamerateam des WDR - Kameramann und Assistent, dem der Kameramann wiederholt "Gegenlicht" zurief. Nach dem Motto "Wie du mir, so ich dir..." habe ich den geschäftigen Filmer unscharf und versteckt hinter seinem Arbeitsgerät direkt in der Kulisse mitfotographiert. Falls ihr euch fragt, wer da hockt...


Auf den Stühlen nahmen anschließend Platz: Robert Menasse, links, und Christian Schärf, Professor der Universität Hildesheim im Lehrstuhl für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft, rechts. Es folgte der übliche Wechsel von Kommentierer/Fragensteller und Autor und drei kleinen Leseausschnitten. Menasses leidenschaftliches Engagement für die Idee der Europäischen Union äußerte sich dabei nicht nur in der Grundmotivation zum Verstehen des Kommissions-Apparats direkt für einige Zeit in Brüssel zu leben und diesen Roman (sowie vorab ein Essay) zu schreiben, sondern trat auch sehr deutlich in seinen Ausschweifungen und der Begeisterung, mit der er seine Erfahrungen aus dieser Stadt zum besten gab, zum Vorschein. Kaum eine Frage, die mit einer kurzen, konkreten Antwort auskam, was allerdings kein bisschen tragisch war (nur für Herrn Schärf vermutlich schwierig), denn gerade die Anekdoten und die Rechercheergebnisse waren neben dem Lesen das Interessanteste an der Veranstaltung. Übrigens ist vieles davon auch in den Roman eingearbeitet - ein weiterer guter Grund, mal reinzulesen.


Kurz vor Ende, als Christian Schärf die Autonomie-Bestebungen Kataloniens unglücklich im Zusammenhang mit "Nationalismus" nannte, packte Robert Menasse dann sogar der Drang zum Aufstehen, denn die Richtigstellung dieser begrifflichen Vermischungen schien ihm wirklich äußerst wichtig zu sein. Die Katalanen strebten zwar nach Unabhängigkeit, seien aber keine Nation sondern eine Region, nur Spanien als Nation sei nationalistisch - so ungefähr die Aussage knapp zusammengefasst.

Als die Lesung dann mit dem letzten Ausschnitt aus dem Buch endete, belustigte mich noch ein älterer Herr, der aus den hinteren Reihen nach vorne stürmte, direkt zum gerade von der Bühne gestiegenen Autor hin, um diesen scheinbar dringlichst über den schrecklichen Sound der Lautsprecher weiter hinten aufzuklären. Bühnentechniker Menasse, warum haben Sie das vorher nicht anständig zusammengewerkelt?
Ich habe unterdessen dann schon einmal die Schlange am Signiertisch aufgesucht, um Unterschrift und Datum in meinem Buch verewigen zu lasse...


...und dann war eine wirklich perfekte Lesung auch schon zu Ende. 

ENDE


PS: Links am Bühnenrand stehen und sitzen (abwechselnd) noch zwei bisher unerwähnte Personen. Das waren Dolmetscher für Gebärdensprache, welche die gesamte Veranstaltung simultan übersetzten.

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