Donnerstag, 5. Juli 2012

Rezension zu "Die Bestimmung" von Veronica Roth


Die letzten 100 Seiten waren gut...

"Die Bestimmung" von Veronica Roth ist der erste Teil einer neuen Jugendbuch-Trilogie, die im zukünftigen Chicago spielt.

Inhalt: Die Stadt hat sich von der Umgebung abgeschottet. Die Menschen haben sich in fünf Fraktionen zusammengeschlossen. Die Altruan, die Selbstlosen, regieren die Stadt, die Ferox, die Furchtlosen, beschützen sie. Außerdem gibt es noch die Candor, die Freimütigen, die Ken, die Wissenden, und die Amite, die Friedfertigen.
Wie jede 16-jährige muss sich auch Beatrice, die bei den Altruan aufgewachsen ist, nach einem Test für die Fraktion entscheiden, zu der sie den Rest ihres Lebens gehören möchte, sofern sie denn die einmonatige Initiationsphase übersteht. Doch Beatrice Testergebnisse waren nicht eindeutig, sie ist eine Unbestimmte - etwas, dass sie unbedingt verschweigen muss. Sie entscheidet sich für die Ferox - und gegen ihre Familie - und durchlebt eine körperlich und seelisch harte Trainigsphase. Doch sie erfährt auch, dass das gesamte System ins Wanken gerät und warum sie als Unbestimmte in Gefahr ist...

Ich bin lange nicht mir diesem Roman warm geworden. Es beginnt schon mit dem System aus fünf Fraktionen, das ich im Ansatz zwar interessant, nicht aber gut durchdacht finde. Wie sollte ein solches System jemals funktioniert haben? Der Konflikt, der sich nun androht, scheint mir unvermeintlich, zumal die Altruan, die angeblich Selbstlosen, ihre alleinige Regierungsgewalt vehement verteidigen. Allerdings würde ich der häufig verwendete Klassifizierung von "Die Bestimmung" als Dystopie nur eingeschränkt zustimmen, denn was wir hier zu lesen bekommen, ist eher ein Gesellschaftskonflikt, der Beginn eines Krieges, doch innerhalb der Gesellschaft entscheiden die Menschen sich relativ frei und das sonst in der Regel anzutreffende Prinzip des totalitären Systems, welches das persönliche Leben kontrolliert, gibt es hier in dieser Form nicht.
Allerdings kann das System eigentlich nicht nur durch die Fraktionen selbst nicht funktionieren, sondern auch durch die ausgestoßenen Fraktionslosen, die Arbeiten erledigen, die sonst keiner machen will, und auf Unterstützungen angewiesen sind. Fraktionslos wird zum Beispiel jeder, der die Initiation seiner Fraktion nicht besteht, ein nachträglicher Wechsel zu einer anderen ist nicht möglich. Bei den Ferox werden nur zehn Anwärter aufgenommen - von ursprünglich mehr als 20. Für jeden neuen Beschützer der Stadt landet also auch noch mehr als ein frustrierter, bei den Ferox höchst persönlich zum Kampf ausgebildeter Jugendlicher auf der Straße. Und die Autorin möchte mir weißmachen, die Gefahr ginge in diesem System allein von der Missgunst der anderen Fraktionen aus?

Die Idee, warum es zu den Fraktionen gekommen ist, nämlich, dass die Menschen sich je nach dem, was sie für die Ursache von Kriegen hielten, zusammenschlossen, konnte ich noch verstehen ebenso wie die freie Wahl für eine der Fraktionen. Was ich aber nicht ganz nachvollziehen kann und auch wieder nicht ausgereift finde, ist das Konzept der Unbestimmten. Warum ist das etwas besonderes? Wer sich die Eigenschaften der fünf Fraktionen anschaut, wird leicht feststellen, dass es sich keineswegs um sich gegenseitig ausschließende Charaktereigenschaften handelt und Beatrice, später Tris, verhält sich in ihrem Test nun wirklich auch nicht ungewöhnlich. Ich würde also erwarten, dass sehr, sehr viele Unbestimmte gibt, die zwischen mehreren Fraktionen schwanken müssten, doch anscheinend sind die Menschen in dieser Geschichte nahezu charakterlich mutiert - von "realen" Menschen kann ich jedenfalls bei dieser Reduktion auf eine einzige Eigenschaft kaum noch sprechen.

Auch mit Tris' Charakter im speziellen konnte ich mich nicht anfreunden. Sie ist relativ wechselhaft, was für mich zusammen mit dem kurzen Trainingsphase bei den Ferox von nur einem Monat kaum nachzuvollziehen war. Sie wird vom unscheinbaren, friedliebenden Mädchen zur blutrünstigen Kämpferin. Innerhalb weniger Tage wird sie übrigens, wie einige andere auch, bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt und hüpft dann nur ein, zwei Tage später schon wieder munter durch die Gegend. Mit dem zeitlichen Rahmen, in dem dieser Roman angesiedelt ist, hatte ich also auch erhebliche Probleme. Ein längerer Zeitraum wäre sicher realistischer gewesen.

Überhaupt macht die Fülle von Gewalt schon ein wenig sprachlos, vor allem da es sich angeblich um ein Jugendbuch handelt. An sich habe ich mit Gewalt in Büchern keine Probleme, solange es sich sinnvoll in die Handlung einfügt. Das tut es am Ende, weswegen mit die letzten 100 Seiten des Romans auch wirklich gut gefallen haben, doch davor ist es einfach nur blindes Draufdreschen, das weder für die Charaktere noch für die Handlung viel Sinn ergibt.

Ganz nett fand ich dagegen die Liebesgeschichte, die sich entwickelt. Diese wirkt romantisch und nicht allzu überstürtzt und liefert einen guten Ausgleich zur rohen Gewalt. Sprachlich ist "Die Bestimmung" unauffällig, weder gut noch schlecht, und auch wenn es brutal und nicht immer ganz glaubhaft ist (insbesondere was die Erholungsphasen angeht), ist es auch spannend. Die Ich-Erzählerin war mir dennoch sehr unsympathisch.

Fazit: Die Grundidee des Romans halte ich leider nicht für besonders ausgereift. Zwar ist die Vorstellung dieses Systems interessant, es ist aber zu offensichtlich nicht funktionsfähig und es kann auch keine zufriedenstellende Erklärung gefunden werden, warum es überhaupt jemals funktioniert haben sollte. Auch wirkt die Idee der "Unbestimmten" einfach nicht real. Für ein Jugendbuch "glänzt" dieses hier zudem mit viel roher Gewalt und einer eher unsympathischen Ich-Erzählerin. Letztlich konnten mich nur die letzten 100 Seiten überzeugen, das allerdings so sehr, dass sie den Gesamteindruck des Buches stark zum positiven beeinflusst haben. Obwohl ich zwischen 3 und 4 Sternen schwanke und die Hoffnung habe, dass der nächste Teil deutlich besser wird, finde ich den Plot einfach doch zu unausgereift und gebe 3 Sterne für eine leider nur mittelmäßige Geschichte.


Die Trilogie (mit Links zu Amazon.de):
  1. "Die Bestimmung" (März 2012, englischer Originaltitel "Divergent")
  2. noch nicht bekannt (englischer Originaltitel "Insurgent")
  3. noch nicht bekannt
Allgemeine Informationen

Ausgabe: Gebunden, März 2012
 Seiten:480
Verlag : cbt
ISBN: 978-3570161319
Preis: € [D]17.99

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage


Kommentare:

  1. Interessante Rezi.
    Ganz krasser Unterschied zu meiner Wahrnehmung. Aber das find ich immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich ein Buch den Leser ansprechen kann. Bin gespannt, ob du den zweiten Band lesen wirst und was du dazu sagst. Ich vermute fast, dass einige Fragen sich klären, aber was die Gewalt angeht, wird es nicht weniger.
    WObei ich persönlich, die jetzt nicht krasser fand als in Panem, wo sich Kinder gegenseitig brutal umbringen :)

    LG
    Lilly

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    1. Ich habe ja auch nichts gegen die Gewalt an sich, wenn sie eben Sinn macht. Das Ende ist ja auch nochmal eine Steigerung was die Gewalt angeht, trotzdem fand ich es gut. Aber am Anfang wird sich einfach nur verkloppt und innerhalb von Augenblicken sind sie wieder genesen.
      Ob die "Fragen" sich klären, weiß ich nicht. Weil ich gar nicht weiß, ob es Fragen sind. *g* Es sind eher Widersprüche und Ungereimheiten und ich weiß nicht, ob sich die schlüssig erklären ließen.
      Panem fand ich übrigens gar nicht so schlimm. Erstmal ist die Gewalt dort eine Notwendigkeit. Im Training prügelt sich noch niemand fast ins Koma. Bei "Die Bestimmung" wird es erst zum Ende hin zur Notwendigkeit. Und zweitens steigert sich Katniss nicht annähernd in einen solchen Blutrausch hinein wie Tris, die ja nur noch alle verletzen möchte.

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  2. Ich sehe das ganz genauso wie du ;) Ohne die umwerfenden letzten Seiten hätte ich höchstens 2 Punkte vergeben

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    1. Ohne die letzten 100 Seiten wäre das wohl auch meine Wertung gewesen. Aber die Entwicklung da ist wirklich gut und auch die Umsetzung. Hat mich überrascht.

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  3. Es muss auch mal welche geben, denen ein gehyptes Buch nicht gefällt! Ich selbst fand es sehr gut: Aber man sollte sich selbst eine Meinung bilden! ;)

    Liebe Grüße
    Linn von Die Welt der Bücher

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  4. "Für jeden neuen Beschützer der Stadt landet also auch noch mehr als ein frustrierter, bei den Ferox höchst persönlich zum Kampf ausgebildeter Jugendlicher auf der Straße. Und die Autorin möchte mir weißmachen, die Gefahr ginge in diesem System allein von der Missgunst der anderen Fraktionen aus?" Ha, da hatte ich überhaupt noch nicht drüber nachgedacht. Scharf beobachtet.

    Komisch, dass mir die ganzen mittelmäßigen Rezensionen überhaupt nicht aufgefallen sind, ich scheine ja doch bei weiterm nicht die einzige zu sein der das Buch nicht so gut gefallen hat! Deine Rezi finde ich super.

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  5. Mir war das mit der Gewalt auch zu viel. Die Liebesgeschichte ging so. Hätte nicht unbedingt sein müssen. Aber auch die Welt war mir zu blass und ich frage mich noch immer, wie so eine Gesellschaft funktionieren kann. Denn das hieße, dass jeder Mensch nur noch eine Charaktereigenschaft besitzen müsste, damit man die jeweils einer Fraktion zuordnen kann und das ist irgendwie... zu abstrus...

    Liebe Grüße,
    Lyrica

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    1. Genau das ist auch für mich einer der größten Kritikpunkte. DIe fünf Eigenschaften wiedersprechen sich ja auch gar nicht wirklich. Deswegen und auch wegen der ganzen Fraktionslosen kann ich mir gar nicht vorstellen, dass dieses System überhaupt jemals funktionieren konnte...eigentlich müsste "unbestimmt" der Normalzustand sein und keine Ausnahme...

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