Mittwoch, 14. Mai 2014

Rezension zu "Roter Mond" von Benjamin Percy

 
Werwölfe als Gesellschaftskritik

„Roter Mond“ von Benjamin Percy ist ein stark gesellschaftskritisch geprägter zeitgenössischer Fantasy-Roman, der die aktuelle, vom Terrorismus beeinflusste Geschichte der USA in eine alternative Wirklichkeit überträgt, in der Werwölfe und Menschen gemeinsam auf der Erde leben.

Zunächst noch einige Worte zum Inhalt: Als sein Vater zum Kriegsdienst einberufen wird, besteigt Patrick ein Flugzeug, das ihn nach Portland zu seiner Mutter bringen soll. Damit beginnen die schlimmsten Stunden seines Lebens, als sich während des Fluges ein Passagier, ein Lykaner, verwandelt und ein Blutbad anrichtet. Der terroristische Anschlag bleibt nicht der einzige…
Claire, eine junge Lykanerin, muss fliehen, als bewaffnete Männer in ihr Elternhaus eindringen. Ist das eine der ersten Gegenmaßnahmen der Regierung?
Chase Williams nutzt unterdessen die wachsende Angst in der Bevölkerung für seinen Wahlkampf. Der radikale Politiker hat große Ziele…
Das ganze Ausmaß der Anschläge ist dagegen noch lange nicht erreicht. Im Untergrund sammeln sich die Terroristen, um das Land endgültig ins Chaos zu stürzen.


Der Roman beginnt stark. Benjamin Percys Idee, die Erdbevölkerung als Mischung aus Menschen und Werwölfen darzustellen, gelingt und ergibt ein glaubwürdiges Gesamtbild. Lykaner existieren in diesem Szenario schon lang. Aufgrund einer Infektion und Mutation haben sie die Fähigkeit sich in ein wolfartiges Wesen zu verwandeln entweder durch Geburt oder durch Übertragung durch einen anderen Werwolf erhalten. Zwar leben sie zwischen den Menschen in der Regel ein normales, menschliches Leben, doch sie sind gezwungen, ihre Instinkte durch Medikamente zu kontrollieren, was von der Regierung überwacht wird.

Als die Lykaner sich gegen diese Einschränkungen ihrer Rechte auflehnen, kommt es zum Krieg und zu terroristischen Untergrundkämpfern – das System gerät in einen Ausnahmezustand. Was der Autor hier aufbaut, diese Dynamik aus wachsender Gewalt, zunehmender Überwachung, Angst und Hass, der sich mit der Zeit nicht mehr nur gegen die Terroristen selbst richtet, sondern kollektiv gegen alle Lykaner, die dadurch wiederum unter immer mehr Einschränkungen zu leiden haben, ist beeindruckend durchdacht und wird von ihm kompromisslos auf die Spitze getrieben, bis hin zum zerstörerischen Bürgerkrieg gewaltigen Ausmaßes. Percy bindet zudem wie selbstverständlich für die Lykaner modifizierte Versionen kontrovers diskutierter realer Handlungen und Gesetze wie etwa den „Patriot Act“ in seine fiktive Welt ein und sorgt auch dadurch dafür, dass „Roter Mond“ nie vollständig in den Bereich der reinen Fantasy wechselt, sondern immer einen aktuell-gesellschaftskritischen Bezug behält und diesen auch deutlich herausarbeitet.

Neben der Grundidee glänzt dieser Roman auch mit seinen vielfältigen und interessanten Charakteren. Patrick, Claire, Chase und einige andere bewegen sich auf verschiedenen, teilweise auch wechselnden Seiten dieses großen Konflikts und bieten nicht nur durch ihr persönliches Schicksal individuell spannende Entwicklungen. Durch ihre unterschiedlichen Rollen, die unterschiedlichen Parteien, die sie in diesem Krieg repräsentieren, geben sie dem Leser auch jeweils Einblick in die Situationen aus allen denkbaren Blickwinkeln.
Der Wechsel zwischen ihnen trägt neben dem zügigen Stil, der durch eine hohe Ereignisdichte, eine schnelle Sprache aus kurzen Sätzen, viel Blut und eine Mischung aus persönlicher Ebene und der großen politischen Bühne gekennzeichnet ist, zur hohen Spannungskurve dieses Romans bei. Die gewählte Gegenwartsform und viele unerwartete Wendungen steigern zusätzlich die mitreißende Wirkung der düsteren Atmosphäre.

Der Schwachpunkt von „Roter Mond“ ist leider ausgerechnet das Ende. Nach einem starken Anfang und wiederkehrenden Spannungselementen, die kleinere Längen regelmäßig aufbrechen und den Leser von neuem fesseln können, flacht die Schlussszene deutlich ab. Zunächst scheint der Autor auf einem guten Weg zu sein, die Handlungsstränge und Figuren in einem gewaltigen Showdown zu vereinen, doch dann verstreicht die Gelegenheit ungenutzt. Stattdessen wirken eine Figuren wie fallengelassen, die großen Enthüllungen werden am Ende zu beiläufigen Erwähnungen. Sicher kann das Ziel eines so groß aufgebauten Szenarios kein rundum abgeschlossenes, leichtes Ende sein – dafür ging die Geschichte zu weit und stellte die Welt zu sehr auf den Kopf. 

Doch auch für ein offenes Ende fehlten einigen Figuren am Ende die Perspektiven, sie verschwanden zu still von der Bildfläche. Sollte es irgendwann einmal eine Fortsetzung zu diesem ansonsten grandiosen Roman geben, könnte dieser das ohne Höhepunkt auslaufende Ende vielleicht wieder auffangen – und nachdem ich den Buchdeckel zugeklappt habe, habe ich direkt recherchiert und herausgefunden, dass der Autor sich diese Option für die – fernere – Zukunft tatsächlich offengehalten hat. Doch bis dahin ist „Roter Mond“ ein Einzelband, dessen Ende leider als solches nicht richtig funktioniert hat.

Fazit: Wäre bei „Roter Mond“ von Benjamin Percy nicht ausgerechnet das Ende die größte Schwäche, wäre dieser Roman perfekt. Die hier aufgebaute Fantasy-Welt ist nicht nur spannend, sondern reizt zudem durch einen gesellschaftspolitischen Bezug, der auch unsere reale Welt kritisch hinterfragt. Wozu kann der Terrorismus einer Minderheit eine Gesellschaft führen? Die Antwort die Percy in „Roter Mond“ liefert, ist schockierend – und wirkt zudem trotz Werwölfen erschreckend real. 4 Sterne.



Allgemeine Informationen

Ausgabe: Gebunden, mit Schutzumschlag
Originaltitel: Red Moon
Erschienen: 24. März 2014
Seiten: 640
Verlag: Penhaligon
ISBN: 978-3-7645-3123-2
Preis: € [D] 19.99

Leserpobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage zum Buch. 

Kommentare:

  1. Klingt interessant. Aber dein Einwand mit dem Ende lässt einen dann doch eher das Buch auf die WuLi packen und man wartet bis/ob ein 2ter Band rauskommt :(

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  2. Wahnsinng schade, wenn das Ende der Schwachpunkt ist. Das Buch steht noch ungelesen im Regal, aber ich wollte es demnächst anfangen …
    Schöne Rezension :)

    Liebe Grüße

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  3. Eine tolle Rezi, hast du super zusammengefasst!
    Ich fand das Ende nicht sooo schlimm, natürlich hätte es noch besser ausgebaut werden können, aber enttäuscht war ich nicht. Mich hat überhaupt der ganze Roman so geflasht, dass mich auch der etwas schwächere Schluss nicht gestört hat.
    Auf jeden Fall lesenswert! ;)

    Liebste Grüße, Aleshanee

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