Freitag, 20. April 2012

Rezension zu "Ich bin der Herr deiner Angst" von Stephan M. Rother


Zur Halbzeit wird's langweilig

"Ich bin der Herr deiner Angst" ist ein Thriller von Stephan M. Rother, der sich viel mit den Themen Angst und Psychologie beschäftigt und mich, obwohl ich die erste Hälfte noch wirklich spannend fand, zwischenzeitlich etwas langweilte.

Zuerst einmal aber zum Inhalt: Im Hamburger Rotlichtviertel wird ein Mann tot aufgefunden. Es handelt sich ausgerechnet um einen Polizisten aus dem Team von Hauptkommissar Jörg Albrecht, der zusammen mit seinen Kollegen die Ermittlungen aufnimmt. Als der Täter weiter mordet, kristallisiert sich schnell heraus, dass es eine direkte Verbindung zur Hamburger Kripo geben muss. Bei ihrer Recherche stoßen die Ermittler auf den vor mehr als 20 Jahren aufgeklärten Traumfänger-Fall und den Traumfänger Max Freiligrath selbst, der immer noch in einer geschlossenen Psychiatrie sitzt...

Der Thriller wird aus insgesamt drei Perspektiven erzählt, die sich gut voneinander abgrenzten und der Handlung eine gewisse Abwechslung bescherten. Die Passagen des sehr philosophisch veranlagten, leicht schrulligen und oft etwas herrischen Hauptkommissars Albrecht werden in der dritten Person erzählt, während seine Kollegin Hannah Friedrichs als Ich-Erzählerin auftritt. Dazu kommen die "Zwischenspiele", die am Anfang recht verwirrend waren und aus Sicht einer anonymen Person erzählt werden, deren Identität sich erst im Laufe des Thrillers lüftet. Während ich den Wechsel zwischen Albrecht und Friedrichs sehr gelungen und ihre verschiedenen Charaktere zusammen mit ihrer persönlichen Sichtweise auf die Dinge interessant fand, konnten mich die "Zwischenspiele" nicht wirklich überzeugen, da sie weder besonders spannende Aspekte enthielten, noch für einen großen "Aha"-Effekt bei ihrer Auflösung sorgten.

Die Mordfälle und Ermittlungen sind zu Beginn des Buches auch noch sehr spannend, wenn auch für mich die ein oder andere Schlussfolgerung nicht immer schlüssig wirkte und ich mich besonders für Albrechts Faible für Sokrates nicht allzu sehr begeistern konnte. Dennoch hatte der Fall am Anfang das gewisse Etwas, sodass ich dem Buch mit viel Interesse folgte und es kaum zu Seite legen konnte. Auch der Schreibstil gefiel mir recht gut, ebenso wie die beiden Hauptcharaktere Albrecht und Friedrichs (auch wenn ersterer mir sehr unsympathisch war), die durch ihre Gedankengänge Tiefe in die Handlung brachten. Die Morde selbst sind ebenfalls außergewöhnlich und grausam, allerdings nicht allzu detailliert beschrieben, sodass auch etwas zarter besaitete Leser hier nicht abgeschreckt werden sollten.

Leider brach die Spannung für mich ab etwa der Hälfte des Romans stark ein, was in etwa mit dem Zeitpunkt der Einbindung des schon im Klappentexts erwähnten Traumfänger-Falls in die Ermittlungen zusammenfiel. Dieser Fall konnte mich nicht überzeugen. Die Idee dahinter war nicht neu, die Umsetzung dann schon fast surreal, wodurch sie für mich mit den sehr handfesten Morden des aktuellen Falls nicht wirklich mithalten konnten. Statt aber weiterhin wenigstens ansatzweise logische Ermittlungen zu führen, schießt sich das Ermittlerteam fix auf den seit mehr als zwei Jahrzehnten weggesperrten Psychopathen ein, wobei ich die Zusammenhänge zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Mordserien auch gar nicht als so zwingend empfand, wie sie dargestellt wurden.

Während im Hintergrund also der Täter weiter aktiv war und mit einem gelegentlichen Leichenfund den Leser noch mal daran erinnerte, dass es sich auch in dieser zweiten Hälfte noch um einen Thriller handelt, liefen im Vordergrund für meinen Geschmack etwas langatmige philosophisch-psychologische Gespräche mit Freiligrath ab, die mich einfach nicht mehr besonders mitreißen konnten. Interessante, spannende Ermittlungsansätze aus der ersten Thriller-Hälfte wurden unbeachtet fallen gelassen und nie wieder wirklich aufgenommen und aufgeklärt - auch am Ende fühlte ich mich was diese Fragen anging eher vertröstet.

Das Ende wurde dann noch einmal spannend, die Enttarnung des Täters war auch durchaus überraschend, es konnte mich aber durch die Art, wie es zustande kam, nicht mehr wirklich überzeugen.

Fazit: Mittelmäßig. Guter Schreibstil mit abwechslungsreichen Perspektiven durch die beiden charakterlich sehr unterschiedlichen Ermittler. In der ersten Hälfte fand ich den Thriller auch fast vollständig überzeugend - doch anstatt der erhofften spannenden Ermittlung auf den Spuren des Täters, wurde die zweite Hälfte durch viele Gespräche ohne Fortschritt eher öde. Daher leider nur 3 von 5 Sternen.



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Allgemeine Informationen

Ausgabe: Taschenbuch (April 2012)
Seiten: 576
Verlag :  rororo
ISBN: 978-3499258695
Preis: € [D] 9.99

Leseprobe und weitere Informationen auf der Verlagshomepage

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